Ref. :  000041594
Date :  2018-05-15
Language :  German
Home Page / The whole website
fr / es / de / po / en

Deutsche Sozialleistungen locken tschechische Arbeiter

Von: Aneta Zachová | EURACTIV.cz | translated by Tim Steins

Author :  EurActiv

image
Ein Zug am Bahnhof Bayerisch Eisenstein. Die Verbindung zwischen der Tschechischen Republik und dem bayerischen Dorf war nach Ende des Eisernen Vorhangs am 2. Juni 1991 wiedereröffnet worden. [EPA/ARMIN WEIGEL]


Tschechische Firmen im Südwesten des Landes leiden unter Arbeitermangel, da immer mehr Bewohner der grenznahen Region zum Geldverdienen nach Deutschland pendeln. Die Anreize: Dreimal höhere Löhne als im tschechischen Durchschnitt und das deutsche Kindergeld. Ein Bericht von EURACTIV Tschechien.

Tschechische Firmen können einfach nicht mit den Arbeitskonditionen mithalten, die die deutschen Arbeitgeber bieten: So können tschechische Arbeiter in Deutschland sogar Sozialleistungen für ihre Kinder erhalten, wenn diese nicht einmal in Deutschland leben. Nach deutschem Recht stehen dem tschechischen Mitarbeiter, der in die deutschen Sozialsysteme einzahlt ,automatisch monatlich je 194 Euro Kindergeld für das erste und das zweite eigene Kind zu.

„Selbst wenn die Entlohnung über die Grenze hinweg gleich wäre, würden die Menschen dennoch nach Deutschland wandern, um Kindergeld zu beziehen,“ sagte auch die tschechische Europaabgeordnete Martina Dlabajová von der liberalen ANO-Partei (ALDE-Fraktion) während einer von EURACTIV.cz organisierten Podiumsdiskussion zur EU-Sozialpolitik.

Darüber hinaus haben alleinerziehende Mütter und unterprivilegierte Haushalte Anspruch auf den Kinderzuschlag. Zusätzliche Anreize und Privilegien, die deutsche Arbeitgeber am Arbeitsplatz anbieten, seien weitere Gründe zum Pendeln.

Gezielte Anwerbung tschechischer Arbeiter


Deutsche Arbeitsvermittler und Arbeitgeber organisieren regelmäßig Anwerbungsveranstaltungen in der Region Pilsen. Ziel ist es dabei, potenzielle Arbeitnehmer über die Arbeitsbedingungen in Deutschland zu informieren und Bewerber über die damit verbundenen Vorteile aufzuklären.

„Die tschechischen Firmen kritisieren diese Rekrutierungspraktiken seit langem. Wenn die tschechischen Arbeitsbehörden deutsche Arbeitskräfte genauso proaktiv wie ihre deutschen Kollegen über die Grenze anwerben würden, wäre es ein faires Spiel. Aber wir sind eindeutig diejenigen, die unter dieser Abwanderung leiden,“ erklärt die Chefin der Handelskammer der Region Pilsen, Radka Trylčová.

Leiharbeiter ersetzen Arbeitskräfte vor Ort

Während Tschechen nach Deutschland ziehen, um dort vor allem niedere Tätigkeiten auszuüben, werden den Deutschen in der Tschechischen Republik eher Führungspositionen zugewiesen, so Trylčová weiter. Aufgrund dieser Diskrepanz müssten tschechische Unternehmer inzwischen anderswo nach Ersatzarbeitern suchen. Sie wenden sich daher an Personalagenturen, die Arbeitnehmer aus anderen Mitgliedstaaten unter Vertrag nehmen.

Filip Zapletal, der Leiter des Büros für soziale Angelegenheiten in der Region Pilsen, berichtet, dass sich seine Abteilung oft mit Leiharbeitern beschäftigen muss: Viele von ihnen müssten sich zu oder vor Beginn ihrer Verträge vorübergehend auf der Straße aufhalten. Ein weiteres Problem entstehe, wenn Vertragsarbeiter in Schlafquartieren in dünn besiedelten Gebieten oder Dörfern wohnen. So müssten plötzlich ein paar Dutzend Arbeiter aus allen Ecken Europas neben mehreren Dutzend Einheimischen leben, was zu Spannungen führen könne.

EU-Koordinierung der Sozialsysteme

Die Anwerbung tschechischer Arbeitskräfte durch in Deutschland ansässige Unternehmen ist jedoch kein isolierter Einzelfall. Innerhalb der Europäischen Union hat sich die Zahl der Menschen, die ihr Recht auf Leben und Arbeiten in anderen Mitgliedstaaten ausüben, seit 2008 verdoppelt und liegt nun bei 17 Millionen.

Die Europäische Kommission hat daher vorgeschlagen, die Verordnung über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit aus dem Jahr 2004 zu überarbeiten, um sie besser an die Erfordernisse der aktuellen Situation anzupassen.

Mit der Verordnung wird sichergestellt, dass beispielsweise tschechische Arbeitnehmer, die einen Beitrag zum deutschen Sozialversicherungssystem leisten, genauso behandelt werden müssen wie ihre deutschen Kollegen. Darüber hinaus berücksichtigt die Verordnung bei der Berechnung der genauen Höhe einer Sozialhilfeleistung alle bisherigen beruflichen Tätigkeiten des Empfängers – unabhängig vom Beschäftigungsland.

Somit können Menschen also auch dann von Sozialzahlungen profitieren, wenn sie nicht in dem Land, in dem sie beschäftigt sind, leben oder je gelebt haben. Dies ist der sogenannte europaweite Übertragbarkeitsgrundsatz in der Sozialhilfe.

Zum Stand der Verhandlungen über eine mögliche Reform der Verordnung erklärt die Europaabgeordnete und Mitglied des EMPL-Ausschusses (Beschäftigung und soziale Angelegenheiten) Dlabajová, es sei bisher „noch kein konkreter Vorschlag auf dem Tisch“. Entscheidend sei ihrer Ansicht nach vor allem, Fragen nach der Zahlung von Arbeitslosen- oder Kindergeld zu klären.

Sie brachte das Beispiel rumänischer Arbeiter, die in Belgien leben und arbeiten, während ihre Kinder in Rumänien bleiben, an und fragte: „Wo sollten die Eltern das Kindergeld erhalten – in Belgien oder Rumänien?“

Weitere europäische Desintegration verhindern

Weiterhin herrscht Unsicherheit in Bezug auf die Reform der Verordnung.

Die laufenden Verhandlungen über die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit könnten das gleiche Schicksal erleiden wie die Revision der Entsenderichtline, bei der die Mitgliedstaaten mehr als zwei Jahre brauchten, um eine Einigung zu erzielen, warnten Teilnehmer der EURACTIV-Veranstaltung.

Frankreich, Belgien und andere westliche Mitgliedsstaaten protestierten gegen Unternehmen aus den jüngeren Mitgliedsstaaten. Die von diesen Firmen gezahlten Niedriglöhnen würden den Wettbewerb in den alten Mitgliedsstaaten untergraben und die Einkommen aller Arbeiter nach unten drücken.

Nach Beschwerden dieser Länder hat die Europäische Kommission mit einer überarbeiteten Fassung der Richtlinie reagiert, in der der Grundsatz der gleichen Vergütung für die gleiche Arbeit am gleichen Ort verankert ist.

Das heißt konkret: Wenn tschechische Mitarbeiter für einen Einsatz in Deutschland verpflichtet werden, erhalten sie den gleichen Betrag wie ihre deutschen Kollegen oder potenzielle Konkurrenten aus Deutschland.

Während die tschechische Industrie den Vorschlag kritisiert, loben die Gewerkschaften ihn in den höchsten Tönen. Sie hoffen, dass eine solche Gesetzesänderung auch zu Lohnerhöhungen in der Heimat führen wird.

Jindřich Brabec, der Vorsitzende des Regionalrates des tschechisch-mährischen Gewerkschaftsbundes, ist sich sicher: „Wir sollten den komparativen Wettbewerbsvorteil, den wir aufgrund unserer niedrigen Löhne haben, eindämmen. Wenn die Gehälter zumindest ähnlich wären, müssten Frankreich, Belgien und andere Staaten keine künstlichen Hindernisse schaffen.“


Countries : 

Rate this content
 
 
 
Same author:
 flecheOrganic farming: Europe’s south produces, north consumes
 fleche20 % de l’impôt des entreprises échappe à l’Union européenne
 flecheOrbán hails attempts to derail solution to Macedonian name dispute
 flecheCash and vouchers: the new vogue in humanitarian aid
 flecheSlovak study fuels concerns about lower quality food in Eastern Europe
 flecheLa jeunesse européenne au cœur de la renaissance européenne, une urgence vitale
 flecheThe facts about the CAP 2014-2020
 flecheEU agricultural emissions: On the table
 flecheHow does climate change hit poor countries?
 flecheAre we seeing the end of austerity in Europe?
 flecheSix questions lying ahead for Europe
 fleche700 cities promise renewable energy transition by 2050
 flecheCOP21 could trigger a cleantech arms race
 flecheFood industry focuses on sustainable sourcing to mitigate climate change
 flecheBolivia: 'For a lasting solution to the climate crisis we must destroy capitalism'
 flecheStatistical changes lead to cuts in global poverty
 flecheVolkswagen scandal throws spotlight on transport emissions
 flecheGMOs take root as a controversial answer to hunger in Africa
 flecheCommission launches legal broadside on asylum rules before summit
 flecheGabriel slams Greek demands for WWII reparations
 flecheLe patrimoine linguistique de l’Europe est en danger
 flecheLes promesses non tenues compromettent la confiance des citoyens dans l'UE
 flecheResearchers link air pollution to heart diseases
 flecheIndia outperforms Netherlands and Austria on climate
 flecheFrench language's global gains hide decline in Europe
 flecheObesity researcher says the EU's new sugar quotas will increase diabetes rates
 flecheEU-Africa free trade agreement 'destroys' development policy, says Merkel advisor
 flecheHardening of positions transforms eastern Ukraine into ‘frozen conflict’
 flecheChild poverty on the rise, even in rich EU countries
 flecheFrance, Italy trim 2015 budgets to win EU approval
 flecheEU's 2030 climate and energy goal pits green business against industry
 flecheConchita Wurst sings for equality in the European Parliament
 flecheMillennium Goals leave the most deprived behind
 flecheGMO lobby sees new Juncker Commission as bad news
 flecheStress test en cours pour le système énergétique européen
 flecheUS Ambassador: Beyond growth, TTIP must happen for geostrategic reasons
 flecheEuropean court upholds French ban on full-face veil
 flecheEU to grant Albania 'candidate' status
 flecheBrexit could cost UK its UN Security Council seat, warns leading Tory
 flecheEU plans bid to raise global rag trade working conditions
 flecheBioenergy push needs land ‘three times the size of the UK’
 flecheCommission admission: energy independence has a price
 flecheFew differences between Schulz and Juncker in German TV debate
 flecheMoscow wins Crimea ‘referendum’, West readies sanctions
 flecheNorth and South sign commitment to family farming
 flecheBerlin urged to step in over EU's relations with Ukraine, Russia
 flecheBrussels sets advisory group on EU-US trade deal
 flecheScotland and Catalonia gear up for independence votes
 flecheEU sets out ‘walk now, sprint later’ 2030 clean energy vision
 flecheKosovo’s spectre looms over EU-Serbia talks
 flecheEU criticised for foot dragging on Kosovo
 flecheUK minister to launch ultimatum: Reform or we'll leave the EU
 flecheLe Parlement européen démonte l’action de la troïka
 flecheParliament, Commission set for clash over 2030 clean energy goals
 flecheEU study predicts clean energy, climate failure by 2050
 flecheBig EU guns fire for ‘crucial’ 2030 renewable targets
 flecheExperts show cautious optimism for the eurozone in 2014
 flecheGrybauskaitė: Europe not a gift, it is responsibility
 flecheS&P spoils the show at EU leaders’ summit
 flecheCentral African Republic failures loom large over EU defence summit
 flecheUnions: Men and women more equal, but not on workplace health, safety
 flecheEU conflict minerals law hangs in the balance
 flecheL’accès à l’éducation dans le monde progresse plus que la qualité
 flecheBrussels looks to cut plastic bag use
 flechePolio outbreak in Syria fuels calls for ‘vaccination ceasefire’
 flecheInfographic: How climate change will affect global water scarcity by 2100
 flecheReding warns data protection could derail US trade talks
 flecheEconomy and justice top of Barroso II final year agenda
 flecheLes Verts pragmatiques sur la question climatique
 flecheEU’s 2030 radar tracks buildings efficiency and new 'constraints'
 flecheMinisters set out 2050 vision for a 'green Europe'
 flecheEU to boost competitiveness through bilateral trade agreements
 flecheCrunch time for EU energy policy
 flecheStudy raises new doubts about carbon storage
 flecheBush re-election triggers cautious congratulations in Europe
 flecheLooming crisis over the new Commission
 flecheBusinesses warn global energy demand could triple by 2050
 flecheWhat European Union Strategy for Integrating Migrants?
 flecheInternational consumer groups boycott EU-US summit
13
SEARCH
Keywords   go
in 
the articles