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Date :  2016-05-04
Language :  German
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Ideen für ein neues Bretton Woods


Die Finanzkrise von 2008 löste Forderungen nach einem globalen Finanzsystem aus, das Handelsungleichgewichte verringert, spekulative Kapitalflüsse abmildert und Ansteckungseffekte innerhalb des Systems verhindert. Das natürlich war das Ziel des ursprünglichen Bretton-Woods-Systems. Nur wäre ein solches System heute weder machbar noch wünschenswert. Wie also könnte eine Alternative aussehen?

Die Konferenz von Bretton Woods im Jahr 1944 war Schauplatz eines Konflikts zwischen zwei Männern und ihren Visionen: Harry Dexter White, dem Vertreter von Präsident Franklin D. Roosevelt, und John Maynard Keynes, der das welkende britische Empire vertrat. Es überrascht nicht, dass Whites Programm sich durchsetzte. Es beruhte auf dem US-Handelsüberschuss der Nachkriegszeit, den die USA im Austausch gegen Europas und Japans Einwilligung in das vollständige geldpolitische Ermessen der USA zur Dollarisierung dieser Länder einsetzten. Das neue Nachkriegssystem bildete die Grundlage für eine Sternstunde des Kapitalismus – bis Amerika seinen Handelsüberschuss verlor und Whites Übereinkommen zusammenbrach.

Die Frage, die während des letzten Jahrzehnts in regelmäßigen Abständen gestellt wurde, ist einfach und direkt: Wäre Keynes’ abgelehnter Plan für unsere multipolare Welt im Gefolge von 2008 geeigneter?

Der Gouverneur der chinesischen Notenbank, Zhou Xiaochuan, hat dies bereits 2009 vorgeschlagen und bedauert, dass Bretton Woods sich nicht Keynes’ Vorschlag zu eigen gemacht hätte. Zwei Jahre später wurde Dominique Strauss-Kahn, der damalige geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds, gefragt, wie die Rolle des IWF nach 2008 aussehen sollte. Er antwortete: „Keynes hat bereits vor 60 Jahren vorhergesehen, was nötig war; aber das war zu früh. Jetzt ist die Zeit gekommen, es zu tun. Und ich glaube, wir sind bereit, es zu tun!“

Ein paar Wochen später jedoch fiel Strauss-Kahn in Ungnade, ohne dass er je erklärt hätte, was er mit „es“ gemeint hatte. Aber es ist nicht besonders schwer, es sich vorzustellen.

Vor allem würde das neue System Keynes’ Sicht widerspiegeln, dass die globale Stabilität durch die natürliche Neigung des Kapitalismus untergraben wird, einen Keil zwischen Überschuss- und Defizitländer zu treiben. Überschüsse und Defizite wachsen während des Aufschwungs, und während des Abschwungs fällt die Last der Anpassung überproportional den Schuldnern zu. Dies führt zu einem schuldendeflationären Prozess, der in den Defizitregionen Wurzeln schlägt, bevor er dann überall die Nachfrage verringert.

Um dieser Tendenz zu begegnen, sprach sich Keynes dafür aus, jedes System, in dem „der Prozess der Anpassung für den Schuldner verbindlich und für den Gläubiger freiwillig ist“, durch eines zu ersetzen, in dem der Zwang zur Anpassung symmetrisch auf Schuldner und Gläubiger verteilt ist.

Keynes’ Lösung war eine internationale Clearing-Union (ICU), an der sich alle bedeutenden Volkswirtschaften beteiligen sollten. Die Mitglieder sollten ihre eigenen Währungen und Notenbanken behalten, aber vereinbaren, alle Zahlungen auf eine gemeinsame Abrechnungseinheit lauten zu lassen, der Keynes den Namen „Bancor“ gab, und alle internationalen Zahlungen über die ICU abzuwickeln.

Dem Rücklagenkonto jedes Mitgliedsstaates bei der ICU sollte zunächst eine Summe Bancors gutgeschrieben werden, die seinem relativen Anteil am Welthandel entsprach. Anschließend sollten jedem proportional zu seinen Netto-Exporten zusätzliche Bancors gutgeschrieben werden. Nach ihrer Gründung sollte die ICU dann anhaltende Überschüsse und Defizite in symmetrischer Weise besteuern, um den negativen Rückkoppelungsmechanismus zwischen unausgewogenen Kapitalflüssen, Schwankungsanfälligkeit, einer unzureichenden globalen Gesamtnachfrage und unnötiger, weltweit ungleich verteilter Arbeitslosigkeit außer Kraft zu setzen.

Keynes’ Vorschlag hatte seine Schwächen. Er sah ein festes Wechselkurssystem vor, was begrenzte Kreditlinien für Länder mit chronischem Defizit erfordern würde und ein ständiges Gezänk zwischen den Finanzministern über die Neufestsetzung von Wechselkursen und Zinssätze zur Folge hätte. Und die vorgesehenen strikten Finanzkontrollen, die den Bürokraten übermäßige Ermessensgewalt über Kapitaltransfers zubilligten, laufen auf einen fatalen Fehler hinaus.

Doch es gibt keinen Grund, warum eine ICU nicht mit variablen Wechselkursen und einfachen, automatisierten Regeln konzipiert werden kann, die Ermessensbefugnisse von Politikern und Bürokraten auf ein Minimum beschränken, während sie zugleich die Vorteile von Keynes’ ursprünglicher Idee zur Begrenzung der globalen Ungleichgewichte nutzen.

Eine neue ICU, oder NICU, wäre so, wie Keynes sie sich vorgestellt hatte. Doch anstelle des abstrakten Bancors würde sie eine gemeinsame digitale Währung – nennen wir sie „Kosmos“ – umfassen, die vom IWF ausgegeben und reguliert würde. Der Fonds würde den Kosmos auf der Basis eines transparenten digitalen „Distributed Ledger“ (eines öffentlichen, dezentral geführten Kontobuchs) sowie eines Algorithmus verwalten, der das Gesamtangebot auf vorab vereinbarte Weise an das Volumen des Welthandels anpassen würde. Dies würde eine automatische antizyklische Komponente ermöglichen, die das globale Angebot in Zeiten eines allgemeinen Abschwungs erhöht.

Die Devisenmärkte würden genauso funktionieren wie jetzt auch, und der Wechselkurs zwischen dem Kosmos und den unterschiedlichen Währungen würde auf dieselbe Weise schwanken, wie es die Sonderziehungsrechte des IWF gegenüber dem Dollar, Euro, Yen, Pfund Sterling und Renminbi tun. Der Unterschied wäre freilich, dass im Rahmen der NICU die Mitgliedstaaten zulassen würden, dass alle ihre Zahlungen an einander über ihr Kosmos-Konto bei der NICU abgewickelt würden.

Um das Potenzial des Systems für die Begrenzung von Ungleichgewichten voll auszuschöpfen, müssten zwei stabilisierende Transfers eingeführt werden. Erstens würde das Kosmos-Konto jeder Notenbank jährlich mit einer Gebühr auf Handelsungleichgewichte belastet, die im Verhältnis zu ihrem Leistungsbilanzdefizit bzw. -überschuss stünde und in einen gemeinsamen NICU-Fonds eingezahlt würde. Zweitens würden private Finanzinstitute eine Gebühr in denselben NICU-Fonds einzahlen, die im Verhältnis zu jedem Anstieg der Kapitalflüsse aus einem Land heraus stünde und mit den Preisaufschlägen vergleichbar wäre, die Unternehmen wie Uber in Verkehrsspitzenzeiten verhängen.

Die Gebühr auf Handelsungleichgewichte hätte das Ziel, die Regierungen der Überschussländer dazu anzuhalten, die Ausgaben und Investitionen im eigenen Lande anzukurbeln und zugleich die internationale Kaufkraft der Defizitländer systematisch zu verringern. Die Devisenmärkte würden dies einbeziehen und die Wechselkurse schneller an Leistungsbilanzungleichgewichte anpassen sowie einen Großteil der Kapitalflüsse ausgleichen, die heute den chronisch unausgewogenen Handel unterstützen. Genauso würde die Gebühr auf steigende Kapitalflüsse automatisch spekulative, dem Herdentrieb folgende Kapitalzu- oder -abflüsse bestrafen, ohne die Ermessensbefugnisse der Bürokraten auszuweiten oder unflexible Kapitalkontrollen einzuführen.

Und damit hätte die Welt plötzlich einen globalen Staatsfonds, und das ohne die Notwendigkeit von eingezahltem Kapital. Dies würde den Übergang zu einem kohlenstoffarmen Energiesystem ermöglichen, das in globalem Rahmen und in einer Weise finanziert würde, die die Weltwirtschaft durch Investitionen in die Erforschung und Entwicklung umweltfreundlicher Energien und nachhaltiger Technologien ankurbeln würde.

Keynes war seiner Zeit voraus: Sein Vorschlag erforderte digitale Technologien und Devisenmärkte, die in den 1940er Jahren nicht existierten. Heute aber haben wir sie, und wir verfügen auch über institutionelle Erfahrung mit internationalen Clearing-Systemen. Wir brauchen zudem verzweifelt jenen globalen Fonds für den Wandel hin zu einer umweltfreundlicheren Welt, den ein keynesianisches Bretton Woods automatisch hervorbringen würde. Alles, was fehlt, ist der politische Prozess – und ein Roosevelt, der die unterschiedlichen Akteure an einen Tisch bringt und den Wandel in Gang setzt.

Aus dem Englischen von Jan Doolan


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