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Date :  2016-04-22
Language :  German
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Zeit für einen Schuldenschnitt in Griechenland


Griechenland steht einmal mehr an einem Wendepunkt. Angesichts stark beanspruchter Kassenbestände dürfte es kaum in der Lage sein, die in den kommenden Monaten anfallenden Schuldenraten zu bezahlen. Daher hat nun eine neuerliche Runde kontroverser, lang anhaltender Verhandlungen begonnen, die durchaus eine weitere kurzfristige Lösung hervorbringen könnte. Allerdings haben die Verhandlungsführer noch eine andere Option, als das Problem in die Zukunft zu verschieben. Tatsächlich wäre das der falsche Ansatz.

Wenn ein Land in ernsten Zahlungsschwierigkeiten steckt, stehen ihm fünf grundlegende Maßnahmen zur Verfügung. Es kann erstens auf die Geldreserven und das Vermögen, die es in besseren Zeiten aufgebaut hat, zurückgreifen. Zweitens kann es externe Kredite aufnehmen, um kurzfristig fällige Zahlungen leisten zu können. Drittens kann es zeitgleich oder mit Verzögerung im Inland Austeritätsmaßnahmen (wie Steuererhöhungen oder Ausgabesenkungen) umsetzen, die Mittel zur Schuldentilgung freimachen.

Viertens kann ein Land, das knapp bei Kasse ist, auch Strategien umsetzen, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und so steigende Einkünfte herbeiführen, die für einen Teil der Zahlungen genutzt werden können. Und wenn nichts davon funktioniert, hat es noch eine fünfte Option: Es kann den Marktkräften gestatten, den Großteil der Anpassungen zu bewirken – entweder durch sehr große Preisbewegungen (unter anderen beim Wechselkurs) oder durch einen erzwungenen Zahlungsausfall.

Die meisten Ökonomen sind sich über die ideale Kombination und Abfolge derartiger Maßnahmen einig. Ein sogenanntes „Beautiful Deleveraging“ (zu Deutsch: schöne Entschuldung) umfasst eine Mischung aus internen Reformen, Kreditaufnahmen und einem umsichtigen Einsatz des Preissetzungsmechanismus der Märkte.

Doch was in der Theorie gut aussieht, hat sich in der Praxis als schwierig erwiesen. Zum einen ist es wahrscheinlicher, dass die Politik die Abhängigkeit ihrer Länder von Krediten und damit das Risiko ungeordneter Marktanpassungen erhöht, als dass sie schwierige Strukturreformen und Haushaltsanpassungen umsetzt. Aus diesem Grund machen viele Länder schmerzhafte Verwerfungen durch, die möglicherweise vermeidbare Produktionsrückgänge verschärfen, einen steilen Anstieg der Arbeitslosigkeit verursachen und im schlimmsten Fall das potenzielle Wachstrum untergraben.

Falls ein Land allerdings bereits zu tief verschuldet ist, wird es möglicherweise feststellen, dass realistische Anpassungs- und Finanzierungsmaßnahmen schlicht nicht ausreichen – der Fluch dessen, was die Ökonomen als „Schuldenüberhang“ bezeichnen. Unter diesen Umständen führt eine Austeritätspolitik, die eigentlich interne Ressourcen für den Schuldendienst freisetzen soll, dazu, dass das Wirtschaftswachstum abgewürgt wird. Und wachstumsfördernde angebotsseitige Reformen können nicht schnell genug Ergebnisse liefern, um diese Auswirkungen auszugleichen.

Externe Gläubiger ihrerseits sträuben sich dann, die Kredite, die das Land braucht, um wieder in die Spur zu finden, zur Verfügung zu stellen, während die Inhaber älterer Kreditforderungen häufig nicht bereit sind, Verluste hinzunehmen. Damit bleibt als einzig reale Option dann eine ungeordnete Marktanpassung.

Da eine derartige Anpassung für die Gläubiger nicht viel attraktiver ist als für die Schuldner, treten beide Parteien in zeitaufwendige Verhandlungen über Kreditprolongationen ein, bei denen sie so tun, als ob alles in Ordnung wäre – in der Hoffnung, dass sich irgendeine magische Lösung auftun könnte. Was natürlich nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Während der Zeit, die sie so verschwenden, erhöht sich die Schuldenlast, was nicht nur die kurzfristigen Aussichten der Schuldner verschlechtert, sondern zugleich abschreckend auf den Zufluss von neuem Kapital und auf Investitionen wirkt, die für das künftige Wachstum unverzichtbar sind.

Dies ist, verkürzt gesagt, was in Griechenland passiert ist. Indem sie entschiedenen Maßnahmen zur Bewältigung des Schuldenüberhangs ausgewichen sind, haben das Land und seine Gläubiger zu einer Situation beigetragen, die für alle enttäuschend ist. Griechenlands europäische Partner haben für ihre Milliardenkredite an das Land nichts Wesentliches vorzuweisen. Der Internationale Währungsfonds und die Europäische Zentralbank, die bei diesem Ansatz des Hoffens und Prolongierens mitgemacht haben, haben ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt.

Hauptverlierer jedoch sind die griechischen Bürger, die eines der striktesten Austeritätsprogramme der Geschichte durchlitten haben, aber noch immer kein Licht am Ende des Tunnels sehen. Tatsächlich ist Griechenlands Schuldenquote heute deutlich höher als zu Beginn der Austeritätsbemühungen. Und Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit verharren bereits alarmierend lange auf extrem hohem Niveau.

Griechenlands düstere Wachstumsentwicklung während der letzten acht Jahre steht im krassen Gegensatz zur Entwicklung der anderen Euroländer, die unter lähmendem Zahlungsdruck standen. Irland und Portugal, die weniger hart gefallen waren als Griechenland, haben wieder Wachstum. Selbst Zypern hat sich besser entwickelt, einen wirtschaftlichen Zusammenbruch vermieden und in den letzten zwei Jahren wieder Wachstum erlebt, während Griechenland in die Rezession zurückgefallen ist.

Die Entwicklung der griechischen Wirtschaft nimmt sich auch im Vergleich zu Island – einem Land, das in Ermangelung der Unterstützung von außen, die Griechenland erhielt, eine grausame Marktanpassung durchmachte – als relativ schwach aus. Während Island in paar Jahre lang eine ähnliche wirtschaftliche Kontraktion erlebte, hat sich das Wachstum dort stark erholt und ist nun viel höher als in Griechenland.

Wenn Griechenland und seine Gläubiger (inzwischen überwiegend staatliche und multilaterale Einrichtungen) nun darüber beratschlagen, wie mit dem sich anbahnenden Liquiditätsengpass umzugehen ist, sollten sie sich diese Unterschiede bewusst machen und aus den Fehlern ihres bisherigen Vorgehens lernen. Je länger sie sich der Realität verweigern, desto größer wird der Schaden – und desto teurer wird es, ihn zu beheben.

Probleme in die Zukunft zu verschieben, ist politisch einfacher, als umfassende, dauerhafte Lösungen zu erreichen. Aber es funktioniert nur selten. Griechenland kann seine wirtschaftlichen Probleme nur überwinden, wenn es seinen Ansatz ändert. Konkret sollten Griechenland und seine Gläubiger ein glaubwürdiges Programm zur Schuldenreduzierung vereinbaren, dass die zur Wiederbelebung von Griechenlands Wachstumsmotoren erforderlichen innenpolitischen Reformen unterstützt und seine internen Verpflichtungen mit seinen Fähigkeiten zur Deckung bringt. Eine derartige Vorgehensweise, die bereits vom IWF befürwortet wird, würde Griechenlands künftige Wachstumsaussichten beträchtlich verbessern.

Wenn klare wirtschaftliche Logik für Griechenlands europäische Partner keine ausreichende Motivation zur Unterstützung eines Schuldenschnitts bietet, so sollte zumindest Griechenlands Rolle an vorderster Front in Europas historischer Flüchtlingskrise es tun. Nach acht langen Jahren ist es Zeit, Griechenland die Hilfe zu geben, die es braucht – in Form einer echten, wachstumsorientierten Runde von Schuldensenkungen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan


Countries : 
- Greece   
- Cyprus   

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