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Date :  2016-03-14
Language :  German
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Friedensarbeit in Kolumbien


Die Kolumbianer stehen kurz davor, den ältesten und einzig verbleibenden bewaffneten Konflikt in der westlichen Hemisphäre zu beenden. Nach mehr als fünf Jahre dauernden Verhandlungen mit der FARC (den „Revolutionären Streitkräften Kolumbiens“) lässt sich sagen, dass wir eine unumkehrbare Phase erreicht haben, die das Ende dieses mehr als 50 Jahre währenden, grausamen und kostspieligen Krieges einläutet.

Alle meine Vorgänger während der vergangenen fünf Jahrzehnte haben versucht, mit der FARC – der größten und ältesten je in Lateinamerika entstandenen Guerilla-Armee – Frieden zu schließen. Ohne Erfolg. Warum also hat sich dieser Friedensprozess als erfolgreich erwiesen?

In erster Linie war es ein gut geplanter und sorgfältig umgesetzter Prozess, der begann, als wir bestimmte Voraussetzungen erreicht hatten. Erstens mussten wir das militärische Kräfteverhältnis zugunsten des kolumbianischen Staates verändern. Zweitens mussten wir die Führung der FARC überzeugen, dass es in ihrem eigenen persönlichen Interesse läge, ernsthafte Verhandlungen aufzunehmen, und dass sie ihre Ziele nie durch Gewalt und Guerilla-Krieg erreichen würden.

Und last but not least haben wir einen radikalen Kurswechsel in unserer Außenpolitik vollzogen, der zu einer Verbesserung unserer Beziehungen zu unseren Nachbarn und der übrigen Region führte. Dies trug dazu bei, dass sie unsere Initiative unterstützten, und erleichterte so den Beginn des Friedensprozesses.

Vor fast vier Jahren nahmen wir dann geheime Verhandlungen zur Vereinbarung einer begrenzten, fokussierten Agenda und klarer Verfahrensregeln auf, deren Fehlen bei früheren Verhandlungen ein wichtiger Stolperstein gewesen war und die es uns – wenn wir denn eine Einigung erzielten – erlauben würden, den Konflikt zu beenden. Es war das erste Mal, dass die FARC sich mit einem derartigen Verfahren einverstanden erklärte.

Das Ergebnis dieser Phase war eine Agenda, die fünf Punkte umfasste: ländliche Entwicklung, politische Teilhabe, Drogenhandel, Opfer und Übergangsjustiz sowie zu guter Letzt die Konfliktbeendigung, die die Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration umfasst.

Nach Unterzeichnung eines Rahmenabkommens in Oslo im Oktober 2012 begannen wir auf Kuba die öffentliche Phase der Verhandlungen. Das Gastgeberland und Norwegen agierten als Bürgen, während Venezuela und Chile den Prozess begleiteten. Später ernannten die USA und die Europäische Union Sonderbeauftragte für die Gespräche.

Von Beginn an war eine Grundregel der Verhandlungen, dass nichts vereinbart war, bevor nicht alles vereinbart war. Inzwischen haben wir alle Fragen geregelt mit Ausnahme der Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration. Um vergangene Fehler zu vermeiden, haben wir studiert, warum die früheren Friedensverhandlungen in Kolumbien gescheitert sind, und uns auch mit den Lehren aus Friedensverhandlungen anderswo befasst.

Wir haben zudem eine Gruppe internationaler Berater mit praktischer Erfahrung bei Friedensbemühungen ausgewählt, die uns helfen sollte, diesen schwierigen Prozess zu bewältigen. Ich kann heute sagen, dass Frieden zu schließen viel, viel schwieriger ist, als Krieg zu führen, und ich habe beides in umfassender Weise getan – als Kolumbiens Verteidigungsminister und nun als Präsident.

Dieser Friedensprozess ist in mehrerer Hinsicht bahnbrechend. Wir haben die Opfer (in unserem Fall mehr als 7,5 Millionen Menschen) und ein umfassendes System, das ihre Rechte garantieren soll, in den Mittelpunkt der Konfliktlösung gestellt. Wir haben zudem vereinbart, eine besondere Gerichtsbarkeit und ein Sondertribunal einzurichten, um zu garantieren, dass die für internationale Kriegsverbrechen verantwortlichen Personen gemäß den Vorgaben im Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofes untersucht, be- und verurteilt werden. Dies ist das erste Mal, dass eine Guerilla-Bewegung zugestimmt hat, die Waffen niederzulegen und sich einer Übergangsjustiz zu unterwerfen.

Ein Frieden in Kolumbien wird einer Welt voller bewaffneter Konflikte, die sich nach einer Erfolgsgeschichte sehnt, echte Vorteile bringen. Obwohl wir das Land sind, dass den höchsten Preis im Krieg gegen Drogen gezahlt hat – einem Krieg, der sich als nicht zu gewinnen erwiesen hat –, sind wir noch immer der weltweit führende Exporteur von Kokain. Diese unerquickliche Tatsache ist primär durch die Guerillas bedingt, die ihre wichtigste Einkommensquelle schützen.

Ein Frieden wird dies ändern, weil die FARC zugestimmt hat, dabei zu helfen, die Coca-Produktion durch legale Anbauprodukte zu ersetzen. Ohne die Drohung eines Angriffs durch die Guerillas können unsere tapferen Soldaten, Polizisten und zivilen Drogenbekämpfer ihre Arbeit tun, ohne sich dabei vor Scharfschützen oder Tretminen sorgen zu müssen.

Was die Umwelt angeht, so wird die Ölmenge, die durch terroristische Anschläge auf unsere Ölförderleitungen während der vergangenen zwei Jahrzehnte in Flüsse und Ozeane entwichen ist, auf mehr als vier Millionen Barrel kalkuliert. Das entspricht der 14-fachen Menge, die im Falle der Exxon Valdez austrat. Darüber hinaus wurden aufgrund des Konflikts fast 4,4 Millionen Hektar Regenwald vernichtet – und das in einem der Länder mit der weltweit größten biologischen Vielfalt pro Quadratkilometer. All dies lässt sich stoppen – und, so hoffe ich, umkehren –, wenn wir den Konflikt beenden.

Dies ist der Grund, warum wir Kolumbianer Glück hatten, auf die Unterstützung der Region und der Welt zählen zu können. Es gibt heute kein einziges Land, das unseren Friedensprozess nicht unterstützt. Der Beweis hierfür war die dem UN-Sicherheitsrat vorgelegte Resolution, in der eine internationale Mission zur Bestätigung und Überwachung der Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration einstimmig angenommen wurde.

Trotz traditioneller Störer häufig aus dem eigenen Land, von denen viele den Prozess aus politischen Gründen ablehnen, bin ich zuversichtlich, dass wir diesen Konflikt dorthin verbannen werden, wo er hingehört – in die Geschichtsbücher. Wir sind es künftigen Generationen schuldig, die Realität um uns herum neu zu gestalten. Wenn wir eine Einigung erzielen und aufhören, uns ein weiteres halbes Jahrhundert lang gegenseitig umzubringen, werden wir eine schwere Last abschütteln, die bislang unseren Fortschritt behindert hat, und endlich die Chance haben, ein neues Kapitel des Wohlstands und der Modernität für unser Land aufzuschlagen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan


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