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Date :  2016-02-12
Language :  German
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Mehr Krieg als Frieden


„Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.” Dieses Zitat von George Santayana scheint derzeit besondere Gültigkeit zu haben, nachdem sich die arabische Welt von Syrien über den Irak bis in den Jemen und Libyen in einen Hexenkessel der Gewalt verwandelt; Afghanistan im Kampf gegen die Taliban gefangen ist und große Teile Zentralafrikas - vielfach entlang ethnischer/religiöser Trennlinien - in einen blutigen Wettkampf um Bodenschätze verstrickt sind. Selbst die Ruhe in Europa befindet sich in Gefahr – man denke an den Separatisten-Konflikt in der Ostukraine, der vor Inkrafttreten der derzeitigen Waffenruhe über 6.000 Menschen das Leben kostete.

Wie ist es zu erklären, dass man sich zunehmend auf Waffengewalt verlegt, um die Probleme der Welt zu lösen? Vor nicht allzu langer Zeit ging der Trend in Richtung Frieden und nicht Krieg. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus verkündete Francis Fukuyama 1989 „das Ende der Geschichte” und zwei Jahre später pries US-Präsident George H. W. Bush eine „neue Weltordnung” der Zusammenarbeit zwischen den Mächten der Welt.

Zu diesem Zeitpunkt lagen sie auch richtig. Mit einer Opferzahl von mindestens 55 Millionen Menschen markierte der Zweite Weltkrieg den Höhepunkt der kollektiven Barbarei der Menschheit. Doch von 1950 bis 1989 – also vom Koreakrieg über den Krieg in Vietnam bis zum Ende des Kalten Krieges – lag die Zahl der Todesopfer bei durchschnittlich 180.000 pro Jahr. In den 1990er Jahren fiel dieser Wert auf 100.000 jährlich. Und in den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts sank diese Zahl noch weiter auf rund 55.000 Todesopfer pro Jahr – den niedrigsten Wert, der in den vorangegangenen 100 Jahren überhaupt innerhalb eines Jahrzehnts gemessen wurde und der den jährlich rund 1.000 Todesopfern des „durchschnittlichen bewaffneten Konflikts“ entspricht.

Unglücklicherweise kehrt sich dieser Trend nun um, wie ich in meinem neuen Buch The World in Conflict ausführe. Angesichts der Tatsache, dass so viele der Kriege in Afrika – von jenen in der Demokratischen Republik Kongo bis zum Konflikt in Somalia – vor Jahrzehnten begannen, ist die Erklärung anderswo zu suchen: nämlich in der muslimischen Welt vom Norden Nigerias bis Afghanistan und darüber hinaus.

Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges im Jahr 2011 verloren über 250.000 Menschen ihr Leben und die Hälfte der Bevölkerung wurde in die Flucht getrieben, wodurch es zu einer Flüchtlingswelle in die angrenzenden Staaten und in die Europäische Union kam. Tatsächlich reichte allein der Syrien-Konflikt aus, um die Kurve der Opferzahlen aus gewaltsamen Konflikten ansteigen zu lassen – und dieser Anstieg verläuft nur noch steiler, wenn man die Todesopfer aus dem Irak, dem Jemen und Libyen hinzuzählt.

Diejenigen, die den Arabischen Frühling vor fünf Jahren freudig begrüßten, müssen nun erkennen, dass dessen Blüten schnell verwelkten. Einzig Tunesien weist eine akzeptable demokratische Entwicklung auf, wohingegen sich Libyen, der Jemen und Syrien ebenso wie Somalia in die Reihe der gescheiterten Staaten eingliederten. Und Ägypten, das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt, kehrte zur Autokratie am Rande der Diktatur zurück.

Die Frage lautet nun, wann – und ob – der Trend wieder nach unten geht. Vor allem aufgrund multilateraler Institutionen wie den Vereinten Nationen ziehen Staaten mittlerweile überaus selten gegen andere Staaten in den Krieg (wobei Russlands kurzer Krieg gegen Georgien im Jahr 2008 die Ausnahme zu dieser Regel darstellt). Und dank der EU – die 2012 für ihren sechs Jahrzehnte langen Beitrag „zur Förderung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa“ den Friedensnobelpreis bekam - ist auch ein weiterer deutsch-französischer Krieg undenkbar.

Stattdessen herrscht nun Krieg zwischen Staaten und nicht staatlichen Akteuren – wie etwa zwischen Nigeria und Boko Haram oder zwischen Indien und den naxalitischen Aufständischen. Oder es geht um Bürgerkriege – wie beispielsweise im Südsudan oder Libyen. Oder man ist mit Stellvertreterkriegen von der Art konfrontiert, wie sie für den Kalten Krieg typisch waren – man denke an den Einsatz der libanesischen Hisbollah durch den Iran in Syrien zur Verteidigung des Regimes Baschar al-Assads.

Ungeachtet der unterschiedlichen und sich vielfach überlappenden Konfliktursachen – Ideologie, Religion, Ethnizität, Wettbewerb um Bodenschätze – lieferte der preußische General Carl von Clausewitz vor zweihundert Jahren die prägnanteste Antwort auf die Frage, warum wir uns zur Problemlösung auf Gewalt verlegen: „Der Krieg ist ein Akt der Gewalt um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.”

Aber lassen sich der Islamische Staat und der dschihadistische Extremismus in der muslimischen Welt allein mit Gewalt niederringen? Daran ist aus zwei Gründen zu zweifeln. Erstens sind militärisch starke ausländische Mächte – ob Amerika und seine NATO-Verbündeten oder Wladimir Putins Russland – nach deren schmerzlichen Erfahrungen im Irak und Afghanistan (in den 1980er Jahren eine Katastrophe für die Sowjetunion und in diesem Jahrhundert für die USA und die NATO) nicht willens, Bodentruppen einzusetzen.

Der zweite Grund besteht darin, dass der islamistischen Botschaft für viele der weltweit 1,3 Milliarden Muslime durchaus ein Reiz innewohnt. Bei den Nationalstaaten der arabischen Welt handelt es sich um Erfindungen aus der Kolonialzeit, die die Kalifate der damaligen Zeit ablösten - jene der Umayyaden, Abbasiden, Fatimiden und schließlich der Osmanen – die einstmals die Zivilisation von Mesopotamien bis zum Atlantik verbreiteten. Als Abu Bakr al-Baghdadi im Juni 2014 ein neues Kalifat mit ihm als „Befehlshaber der Gläubigen” an der Spitze ausrief, traf er in der muslimischen Welt durchaus einen Nerv. Außerdem erscheint vielen die Brutalität des fundamentalistischen Islamischen Staates gar nicht gar so viel anders als das Verhalten Saudi-Arabiens, das jahrzehntelang seinen wahhabitischen Fundamentalismus in den Moscheen und Medressen dieser Welt verbreitete.

Mit anderen Worten: wenn wieder Friede in die muslimische Welt einkehren soll, muss sich die Botschaft ändern. Das wird nicht so schnell passieren. Zunächst wird das sunnitische Saudi Arabien seine Abneigung gegen schiitische Muslime im Allgemeinen und die schiitische Mehrheit im Iran im Besonderen mäßigen müssen. Unterdessen verfügt der Islamische Staat über Personal, Geld, Territorium und militärische Fähigkeiten (ein Großteil stammt von früheren Offizieren der irakischen Armee).

Letzten Endes wird Saudi-Arabien erkennen müssen, dass man den Iran braucht, um den Islamischen Staat zu bezwingen. Und letzten Endes wird der Islamische Staat implodieren, wenn seine Untertanen das Recht fordern, Musik zu hören oder sich so zu verhalten wie sie wollen. Leider ist „letzten Endes“ das Schlüsselwort. Der in einer jahrhundertealten Abneigung zwischen Arabern und Persern begründete Instinkt Saudi-Arabiens besteht darin, den Iran als Bedrohung zu sehen, der es entgegenzutreten gilt, anstatt sie zu abzumildern. Im Hinblick auf den Islamischen Staat ist Nordkorea der Beweis, dass brutale Regime durchaus Bestand haben können. Unterdessen wird der Aufwärtstrend bei der Kurve der Todesopfer aus Konflikten anhalten und allen Bemühungen der Diplomaten, Friedensstifter sowie den Beteuerungen von Humanität und Zivilisiertheit hohnsprechen.


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier


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