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Date :  2016-01-05
Language :  German
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Die Umstellungen des Jahres 2016


Die Terroranschläge von Paris im November und der Zustrom von Flüchtlingen nach Europa sind nur das aktuellste Symptom heftiger politischer und wirtschaftlicher Spannungen in Nordafrika und im Mittleren Osten. Und es handelt sich dabei keinesfalls um isolierte Ereignisse. Auch andernorts wüten Konflikte, und weltweit gibt es fast 60 Millionen Vertriebene.

Zudem zeichnet sich ab, dass 2015 das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen werden wird, mit einem extrem starken El Niño, der im gesamten Pazifikraum wetterbedingte Katastrophen ausgelöst hat. Und der Beginn der Zinsnormalisierung in den USA trägt zusammen mit dem Konjunkturabschwung in China weltweit zu Unsicherheit und stärkerer wirtschaftlicher Schwankungsanfälligkeit bei. Tatsächlich hat sich das Wachstum im Welthandel deutlich verlangsamt, und der Rückgang der Rohstoffpreise stellt rohstoffbasierte Volkswirtschaften vor Probleme.

Ein Grund, warum die Weltwirtschaft derart lahmt, ist, dass auch sieben Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers die Finanzstabilität noch immer nicht gewährleistet ist. In vielen Ländern weist der Finanzsektor nach wie vor Schwächen auf – und in den Schwellenmärkten nehmen die Finanzrisiken zu.

All dies zusammen bedeutet, dass das weltweite Wachstum 2016 enttäuschend und ungleichmäßig ausfallen wird. Und auch die mittelfristigen Aussichten der Weltwirtschaft haben sich abgeschwächt, weil das potenzielle Wachstum durch eine geringe Produktivität, alternde Bevölkerungen und die Folgen der globalen Finanzkrise gebremst wird. Nach wie vor belasten hohe Schulden, niedrige Investitionen und schwache Banken einige der hochentwickelten Volkswirtschaften insbesondere in Europa, und viele Schwellenländer sehen sich nach dem auf die Krise folgenden Kredit- und Investitionsboom Anpassungen ausgesetzt.

Dieser Ausblick wird stark durch einige wichtige wirtschaftliche Veränderungen beeinflusst, von denen weltweite Aus- und Rückstrahlungseffekte ausgehen, insbesondere Chinas Umstellung auf ein neues Wachstumsmodell und die Normalisierung der US-Geldpolitik. Beide Veränderungen sind notwendig und gesund. Sie sind gut für China, gut für die USA und gut für die Welt. Die Herausforderung besteht darin, sie so effizient und reibungslos wie möglich zu steuern.

China hat tiefgreifende Strukturreformen eingeleitet, um Einkommen und Lebensstandard zu erhöhen, und strebt als „neuen Normalzustand“ ein langsameres, sichereres und nachhaltiges Wachstum an, das sich verstärkt auf Dienstleistungen und Konsum stützt und weniger auf rohstoffintensive Investitionen und Fertigungsaktivitäten. Allerdings stehen Chinas Politiker vor einem Drahtseilakt: Sie müssen diese schwierigen Reformen umsetzen und dabei zugleich die Nachfrage und die Finanzstabilität aufrechterhalten.

Ein Ausstrahleffekt dieser Umstellungen war im vergangenen Sommer erkennbar, als die Befürchtungen der Anleger über das Tempo des chinesischen Wirtschaftsabschwungs die Rohstoffmärkte zusätzlich unter Druck setzten und erhebliche Währungsabwertungen in einer Reihe rohstoffexportierender Länder auslösten, die von der chinesischen Nachfrage abhängig sind. Angesichts sich verringernder Investitionen wird Chinas Bedarf an Rohstoffen – es verbraucht beispielsweise gegenwärtig 60% des weltweiten Eisenerzes – zurückgehen. Dies könnte zu einer anhaltenden Phase niedriger Rohstoffpreise führen, die die Politik – insbesondere in großen Rohstoffexporteuren wie Australien und Brasilien – sorgfältig steuern muss.

Die zweite große Umstellung betrifft die Entschlossenheit der US-Notenbank (Fed), die Zinssätze zu erhöhen. Obwohl die Fed deutlich darauf hingewiesen hat, dass die Zinsen noch eine ganze Weile niedrig bleiben dürften, spiegelt diese Umstellung die verbesserte wirtschaftliche Lage in den USA wider, was ebenfalls eine gute Nachricht für die Weltwirtschaft ist.

Die niedrigen Zinsen haben zu einem Renditestreben aufseiten der Anleger beigetragen, das die finanzielle Risikofreudigkeit verstärkt und höhere Bewertungen für Aktien, Staatsanleihen und Unternehmensschuldverschreibungen unterstützt hat. Daher hat auch die Fed einen Drahtseilakt vor sich: die Zinsen zu normalisieren und zugleich das Risiko von Störungen an den Finanzmärkten weitestgehend auszuschließen.

Auch hier gibt es potenzielle Ausstrahleffekte. Selbst vor der Zinserhöhung der Fed im Dezember hatte die Aussicht auf steigende Zinsen in den USA schon zur Erhöhung der Finanzierungskosten einiger Kreditnehmer – u. a. von Schwellen- und Entwicklungsländern – beigetragen.

Dies ist Bestandteil einer notwendigen Korrektur innerhalb des globalen Finanzumfelds. Der Prozess könnte jedoch durch strukturelle Veränderungen auf den Märkten für festverzinsliche Wertpapiere kompliziert werden, die weniger liquide und zugleich anfälliger geworden sind – ein Rezept für Überreaktionen und Störungen an den Märkten.

Außerhalb der hochentwickelten Volkswirtschaften sind die Länder im Allgemeinen besser auf höhere Zinssätze vorbereitet als in der Vergangenheit. Und doch mache ich mir Sorgen über ihre Fähigkeit, Erschütterungen abzufedern. Viele Schwellen- und Entwicklungsländer haben auf die globale Finanzkrise mit kühnen antizyklischen fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen reagiert. Durch Einsatz dieser Puffer waren sie in der Lage, die Weltwirtschaft in deren Zeit der Not anzuführen. Und während der vergangenen fünf Jahre sind auf sie fast 80% des globalen Wachstums entfallen.

Aber diese politischen Initiativen gingen allgemein mit einer höheren Fremdfinanzierung im privaten Sektor einher, und viele Länder haben zusätzliche Schulden gemacht – von denen ein erheblicher Anteil auf US-Dollar lautet. Steigende US-Zinssätze und ein stärkerer Dollar könnten also Währungsinkongruenzen aufzeigen, die auf Unternehmensseite zu Zahlungsausfällen führen könnten – und zu bösartigen Ansteckungseffekten, die auf Banken und Staaten übergreifen.

Und doch wissen wir, dass die Abwärtsrisiken dieser Umstellungen zu bewältigen sind, indem man die Nachfrage stützt, die Finanzstabilität bewahrt und Strukturreformen umsetzt. Die meisten hochentwickelten Volkswirtschaften mit Ausnahme der USA und möglicherweise Großbritanniens werden auch weiterhin einer lockeren Geldpolitik bedürfen. Alle hochentwickelten Volkswirtschaften jedoch sollten Ausstrahleffekte in umfassender Weise in ihre Entscheidungsfindung einbeziehen und sicherstellen, dass ihre diesbezügliche Kommunikation unmissverständlich ausfällt.

Die Eurozone ihrerseits kann ihre Aussichten verbessern, indem sie sich in umfassender Weise mit ihren faulen Krediten im Volumen von rund 900 Milliarden Euro – einem der großen ungelösten Probleme, die die Finanzkrise hinterlassen hat – auseinandersetzt. Dies würde die Banken in die Lage versetzen, ihre Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte auszuweiten, und so die Wirksamkeit der lockeren Geldpolitik erhöhen, die Wachstumsaussichten verbessern und das Vertrauen der Märkte stärken.

Die Schwellenländer müssen die Überwachung der Fremdwährungsrisiken der Großunternehmen verbessern. Sie sollten zudem durch makroprudenzielle Instrumente Finanzstabilität gewährleisten, um die Widerstandsfähigkeit der Banken gegenüber den angehäuften Unternehmens- und Auslandsschulden zu stärken.

Auf globaler Ebene besteht eine dringende Notwendigkeit, die Reformagenda im Bereich der Regulierung abzuschließen und umzusetzen – wobei ein besonderer Fokus auf der Verbesserung der Transparenz und der Aufsicht über Nicht- bzw. Schattenbanken liegen sollte. Und es liegt noch eine andere wichtige Aufgabe vor uns: die Verbesserung des nach wie vor unzureichenden Rahmenwerks für die Auflösung systemrelevanter, weltweit operierender Finanzinstitute.

Im Bereich der Fiskalpolitik sollten die Länder Strategien verfolgen, die so flexibel und wachstumsfreundlich wie möglich sind. Der Internationale Währungsfonds empfiehlt nach wie vor, dass hochentwickelte Volkswirtschaften, die Spielraum für fiskalpolitische Impulse haben, diesen zur Ankurbelung öffentlicher Investitionen insbesondere in eine hochwertige Infrastruktur nutzen. Auch eine glaubwürdige mittelfristige Haushaltsplanung bleibt eine Priorität, insbesondere für die USA und Japan.

Rohstoffexportierende Länder, die fiskalpolitische Spielräume haben, sollten diese nutzen, um ihre Anpassung an niedrigere Preise reibungsloser zu gestalten. Andere sollten sich auf eine wachstumsfreundliche Haushaltsumstrukturierung stützen – etwa durch Umsetzung von Steuer- und Energiepreisreformen und Änderung ihrer Ausgabeprioritäten, auch zum Schutz der Schwächsten in der Gesellschaft.

Rohstoffexporteure wie Chile, Kolumbien, Norwegen und Botsuana haben den Rohstoffboom genutzt, um ihre Haushaltssysteme gegen Erschütterungen zu stärken. Dies hat ihnen eine größere Kontrolle über das Tempo der erforderlichen fiskalpolitischen Anpassungen verschafft und sie so in die Lage versetzt, das Wachstum aufrechtzuerhalten. Andere können von ihrem Beispiel lernen.

Und schließlich müssen alle Länder ihre Wirtschaftsstrukturen verbessern, indem sie ihre Arbeits- und Produktmärkte, Infrastrukturen, Bildungs- und Gesundheitssysteme sowie ihre Handelspolitik reformieren. Die Umsetzung derartiger Maßnahmen erfordert natürlich eine geschickte und kluge Politik, insbesondere in dieser Phase niedrigen Wachstums und großer Unsicherheit. Und angesichts der kollektiven Beschaffenheit vieler der Probleme – wie des Klimawandels, des Handel, der Migration und des globalen finanziellen Sicherheitsnetzes – ist eine verstärkte internationale Zusammenarbeit dringender und unverzichtbarer denn je.

Ich habe mich gefreut, diesen Geist der Zusammenarbeit bei der Verabschiedung der Ziele nachhaltiger Entwicklung im September durchdringen zu sehen, und dann erneut auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Paris in diesem Dezember. So wie diese ist die Flüchtlingskrise im Mittleren Osten und in Europa nicht nur ein humanitäres Problem; sie ist auch ein wirtschaftliches Problem, das jeden betrifft. Und wir alle haben eine Verpflichtung, zu helfen.

Ja, die Herausforderungen, vor denen die Welt 2016 steht, sind groß. Doch mit der richtigen Politik, Führung und Zusammenarbeit können wir sie bewältigen – zu unser aller Nutzen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan


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