Ref. :  000033777
Date :  2010-09-01
Language :  German
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Identität im Kontext der Globalisierung

Identitäten II

Author :  Jörg Mirtl


Wer sind wir, wer bin ich in einer Welt, die sich scheinbar immer schneller um sich selbst dreht? Dieser Frage haftet etwas seltsam Antiquiertes an. Und in der Tat erscheint jene nach dem „Wie?“ heutzutage viel zeitgemäßer: Wie organisiert sich der Mensch, oder vielmehr: Wie werden die Flüsse an Waren, Ideen und Informationen geregelt? Wir selber scheinen zu diesem „Wie“ zu werden, zu einer Art und Weise einer Organisation jener Welt, die schon längst mit dem Globus identisch ist. Aber worin besteht diese Globalität eigentlich, die so oft herbeizitiert wird? Da ist von einer völlig neuen Epoche die Rede, von Firmen, die Firmen kaufen und wiederverkaufen, von Immigration und brain drain, vom global village, von Weltmusik, Internet und Terrorismus. All das klingt recht heterogen, und doch sprechen wir von der Globalisierung im Singular ganz so, als sei sie das Selbstverständlichste auf der Welt.

Imperien gab es schon immer, und noch mehr Potentaten, die sich selbst als Herren der Welt sahen. Auch heute hat die Globalisierung ganz offenbar mit Machtverhältnissen zu tun. Doch kam es früher nie zur völligen Gleichheit von Welt und Globus; jedes Imperium hatte seine düsteren Ränder, hinter denen nur Barbaren wohnten, deren Kolonialisierung nicht notwendigerweise als lohnenswert erachtet wurde. Heute kennt das Imperium keine Herrscher mehr und auch keine Schranken; wir leben in einer globalisierten Welt, die kein Außen mehr hat, deren Grenzen noch bestenfalls die des Individuums und seiner Identität sind.

Was aber ist diese Identität, von der so oft die Rede ist? Identität ist unser Wesen, sie stellt den Zusammenhang zwischen unserem Bewusstsein und der Lebenswelt her und steht für die von uns gesammelten Erfahrungen. Wir identifizieren uns also mit unserer Umgebung und bilden so unsere persönliche Geschichte. Eine Geschichte, die sich zudem von jener der anderen unterscheidet. Identität ohne Andersheit ist unmöglich, Unterschiede sind so konstitutiv für die menschliche Entfaltung wie Gemeinsamkeiten. Was aber, wenn diese Differenzen schwinden, weil sich die Lebenswelten aller Menschen gleichen?

Die Globalisierung wird heutzutage vor allem mit wirtschaftlichen Abläufen in Verbindung gebracht. Aber sie ist zunächst insbesondere ein Vorgang der Homogenisierung. Dies verweist auf ein Schwinden der Differenzen und auf eine zutiefst abendländische Idee: Alles, was hier möglich ist, ist überall (urbi et orbi) denkbar und durchführbar. Das ist gleichwohl nichts Neues: Städte, Königreiche, Nationen - alle trachteten sie nach Homogenisierung. Neu sind hingegen die Endgültigkeit und die Grenzenlosigkeit, die dem Prozess der Globalisierung innewohnen.

Zwei politische Folgen ergeben sich daraus: einerseits die völlige Auflösung der Identität, andererseits die konservierende Affirmation derselben. Beide Vorgänge sind jedoch zum Scheitern verurteilt. Der Mensch braucht Identität als Brücke zu einer sich wandelnden Welt wie sein tägliches Brot; sie ist somit aber vor allem auch ein Prozess und darf keineswegs mit ihrer Instrumentalisierung durch radikale politische Strömungen verwechselt werden. Die Folklorisierung von Lebenswelten ist nichts anderes als Wasser auf die Mühlen der globalen Homogenisierung. Dabei muss betont werden, dass die Humanität sich stets durch jenes andere auszeichnet, welches so vielfältige Formen annehmen kann: Immigration, neue Theorien, Kunst, kulturelle Vielfalt, Emanzipation und nicht zuletzt die Fremdheit gegenüber uns selbst, die wir einem ständigen Wandel unterliegen.

Nehmen wir also die eingangs formulierte Frage wieder auf: Wer sind wir in einer globalisierten Welt? Es wäre verfehlt, auf diese Frage eine allzu genaue Antwort zu geben, da sich Identitäten nicht von außen oktroyieren lassen. Wichtig aber ist, dass wir im globalen Zeitalter überhaupt noch jemand sind und dass wir gleichzeitig jenes andere garantieren, welches für die menschliche Entfaltung stets von so großer Bedeutung war.



Die Langfassung dieses Artikels ist unter folgendem Link abrufbar : http://www.mondialisations.org/php/public/art.php?id=33529&lan=DE


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