Ref. :  000023717
Date :  2006-06-30
Language :  German
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Hermann Broch und das geschichtsphilosophische Gegenwartsmodell

Author :  Endre Kiss


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Die Moderne (und sei es der ursprüngliche Begriff, der die moderne Literatur und Kunst zusammenfasste oder der etwas erweiterte sozialphilosophische Begriff des Max Weberschen „Entzauberung”) brachte eine entscheidende Modifizierung auch in der Grundeinsicht in die konkreten Bestimmungen jenes Modells mit sich, aufgrund dessen Geschichte sich theoretisch (1) konstituerte. Der unmittelbare Widerpart dieser neuen Modellbildung war nicht eines der zahlreichsten theoretischen Geschichtsmodelle der frühen philosophischen oder historischen Tradition, sondern die der Moderne historisch unmittelbar vorausgehende „universale Geschichtsphilosophie”, in der wir das dynamische Geschichtsmodell der Aufklaerung sowie die ebenfalls universale Geschichtsphilosophie des klassischen idealismus von Herder und Kant bis Hegel und Marx zusammenfassen (2).

Was in der Moderne also immanent mitgemeint ist, ist ein geschichtsphilosophischer und geschichtstheoretischer Modellwechsel .

Wir thematisieren damit nicht die aufeinander folgende lange Reihe geschichtstheoretischer Grundmodelle, sondern stellen einen konkreten Wechsel zwischen dem Modell der universalen Geschichtsphilosophie und dem sogenannten „Gegenwartsmodell der Geschichte” in den Mittelpunkt. Wir machen diesen Vergleich mit dem Ziel, durch diese Konfrontation neue Aspekte zur Interpretation von Hermann Brochs tief geschichtsphilosophisch motivierter Werttheorie zu gewinnen (3).
Das Modell der „universalen Geschichtsphilosophie” laesst sich als ein dynamisches System, als ein langsam bewusst werdender Herakleitismus beschreiben. Es ist der historische Prozess, der den einzelnen Akteuren ihre Mission zuweist. Es ist ferner der historische Prozess als Ganzes, der im Chaos der Geschichte die Konturen einer teleologischen Ordnung aufscheinen laesst. Die Umrisse dieser teleologischen Ordnung löscht jedoch den wirklichen Aktionsradius der einzelnen freien Akteure aus. Das freie Spiel der freien Akteure ist es, was positiv wird. Es ist aber auch die Gesamtheit des historischen Prozesses selbst, der Soziales und Anthropologisches restlos integrieren kann. Mit ihr verbindet sich das Erlebnis und die Erfahrung des Wachstums und der Akkumulation. Der historische Prozess als Ganzes konstituiert in der letzten Abstraktion Gesellschaft und Geist, in dem und durch den aber eine neue Rationalitaet sich Bahn bricht. Waehrend im Falle der Aufklaerung (die wir auch in die universale Geschichtsphilosophie aufnehmen) die neuzeitliche Rationalitaet als Moviens des ganzen Geschichtsprozesses fungiert, verkehrt sich der Zusammenhang in der klassischen deutschen Philosophie, wo es der als Totalitaet angenommene Geschichtsprozess ist, der die neuzeitliche Rationalitaet auf eine sehr eigenartige Weise evolviert. Die Geschichte rennt also durch den imaginaeren Raum der einheitlich wahrgenommenen Weltgeschichte und weist allen Akteuren ihre Rollen zu. In diesem Rasen gleicht Geschichte den himmlischen Körpern, die durch ihre Bewegungen Raumzeitstrukturen schaffen. Dieses Grundmodell integriert diverse Modelle, die in vielen anderen Hinsichten miteinander sogar konkurrierten. In den dynamischen Kontexten setzt sich jedoch immer eine Teleologie durch, die ja auf keine vorausgehende Systematik oder Metaphysik zurückgeht. Dies ist von der heutigen Sicht die führende Eigenschaft dieses Geschichtsmodells. Die Geschichte wird als der wahre Kampf von wahren Kraeften vollkommen desanthropomorphisiert und ohne Teleologie gesehen, waehrend in dieser als Natur figurierende a-teleologisch (also ohne Illusion) erlebte Geschichte zur gleichen Zeit als Wachstum des Bewusstseins der Freiheit, aber auch der Rationalitaet wahrnehmbar wird. In dem Ausmass, in dem das Bewusstsein von der Arbeit der universalen Geschichte auf den Plan tritt, nehmen Menschen die ihnen von der universalen Geschichte zugewiesene Rolle ebenso bewusst auf und definieren sich in ihnen als frei.

Geschichte als in jeder Hinsicht „objektive” Kraft bringt Freiheit und Emanzipation hervor, bei grösserer Einsicht in ihre Gesetze wird das bewusste Zusammenspiel zwischen menschlicher Freiheit und objektive Notwendigkeit sogar grösser. Wichtig ist aber für unsere Modellbildung nicht so sehr diese „vernünftige Komponente” der „List der Vernunft”, vielmehr die sachlich-funktionalen Zusammenhaenge, die dieses spezifisch europaeische Modell ausmachen. Der historische Prozess praegt jede Dimension der gegenstaendlichen Welt, er integriert Vergangenheit und traegt in ihrem Schoss die Zukunft aus. Je mehr diese Seite bewusst erkannt wird, desto mehr kritisches Potential gewinnt aber auch jene universale Geschichtsphilosophie, die ansonsten nicht nur keine Utopie, sondern auch keine besondere Zukunftsorientation aufweisen würde. In seiner immanenten Einstellung zur Zukunft erhaelt die historische Dynamik einen unausweichlichen kritischen, wenn nicht eben sogar quasi-politischen Charakter (4). Es heisst aber auch, dass das Modell der universalen Geschichtsphilosophie nicht nur den Akteuren der Gegenwart, sondern in nicht wenigen Faellen auch denselben der Zukunft noch ihre Funktionen und Missionen zuerteilen kann. Setzt die Zukunft die bereits erkannten Trends fort, so wird der Prozess der universalen Geschichtsphilosophie schon „an sich”, d.h. in seiner ursprünglichen Form zu einer „Verbesserung”, einer „Evolution, jedenfalls aber zu einem „Versprechen”. Die Gegenwart wird in diesem Modell zum Übergang, sie ist besser als die Vergangenheit, aber sicherlich schlechter als die Zukunft. Sie rast als gewaltiger Himmelskörper durch den Weltraum der Weltgeschichte, waehrend die Akteure der jeweiligen Gegenwart mit ihrem Satelit ebenso untrennbar verwachsen sind, wie es im Weltraum der Fall sein sollte.

Seit den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts verschwindet dieses Geschichtsmodell schnell und fast ohne greifbare Spuren. Die Gegenwart erscheint nicht mehr als eine aktuelle Station auf der rasenden Laufbahn des universalen Geschichtsprozesses. Sie erscheint als eine in vielem bereits fertige Struktur, die in vielen bestimmenden Vergleichen die Qualitaet der Optimalitaet, bzw. des historischen Optimums in ihrem Status als Gegenwart aufweist. Diese Praesenz der Vorstellung eines historischen (oder historisch möglichen) Optimums bedeutet jedoch nicht, dass deren Vertreter nach Meister Pangloss gedacht haetten, sie leben in der besten aller möglichen Zeiten. Hierbei wird eine neue Bedeutungsvariante des Optimums realisiert. Sie besagt, dass entscheidende, die Rahmen der Gegenwart sprengende revolutionaere Veraenderungen nicht mehr möglich sind und wenn sie irgendwie doch möglich waeren, würden sie (auch ungewollt) zur Beseitigung der bereits erzielten zivilisatorischen oder emanzipatorischen Errungenschaften führen können. Diese Einstellung dehnt sich auch auf die führenden sozialen und politischen Institutionen aus. Das neue Modell kann nicht mehr mit Überzeugung die Erwartung vertreten, neue Institutionen könnten die grundsaetzlichen Dilemmata unter den gegebenen Umstaenden des Überganges wesentlich besser lösen als die bereits existierenden. Dieses Element war aber auch der wichtigste Grund des ganzen Überganges. Es beinhaltet also kein Optimum der Werte oder der Zustaende, sondern ein spezifisches Optimum der strukturell und/oder funktional zu interpretierenden Verhaeltnisse. Die Gegenwart liess sich anders konstituieren als es im Modell der universalen Geschichtsphilosophie der Fall gewesen ist. Die Gegenwart blieb ein Teil der Geschichte, deren Geschwindigkeit sich jedoch durchaus stark verlangsamte. Nicht mehr der Prozess der universalen Geschichte weist den Akteuren ihre Missionen und Funktionen zu. Soziale Zwaenge und persönliche Freiheit übernehmen diese Rolle, und zwar in einer Gesellschaft, deren Strukturen und innere Zusammenhaenge von einer relativen Konstanz gekennzeichnet worden sind (5).

Vergegenwaertigt man das Wesentliche dieses Wechsels zwischen dem Modell der universalen Geschichtsphilosophie und dem historischen Modell der Gegenwart, so erscheint in dem angegebenen Zeitalter nur eine einzige relevante Ausnahme, die aber allein schon wegen ihrer einmaligen historischen Relevanz unsere Konstruktion kritisch gefaehrden könnte. Dieses im wahren Sinne des Wortes schlagende Gegenbeispiel ist Karl Marx. Es gibt zweifellos eine Reihe von philosophischen Werken, in denen er sich als Vertreter der universalen Geschichtsphilosophie erweist. Diese Werke (auf eine ganz evidente Weise beispielsweise das Kommunistische Manifest ) realisieren exemplarisch das Modell der universalen Geschichtsphilosophie in der Konstitution von Teleologie und Sinnvorstellungen, in der Zuweisung der historischen Rollen und Aufgaben, aber auch, in der Möglichkeit der nachfolgenden Auswertung und Interpretation von einzelnen historischen Taten und Akten.

Marx waere also ein wirklicher Gegenbeweis für diesen auch für Hermann Broch so wesentlichen Modellwechsel. In dieser Situation erscheint aber auch ein anderer Karl Marx, der die zivilisatorischen Dimensionen des Kapitalismus genau in dem Sinne für „optimal” hielt, in welchem wir oben diese neue Auffassung vom historisch Optimalen angedeutet haben. Marx macht die wirkliche geschichtsphilosophische Überwindung des Kapitalismus von der Geburt einer vollkommen neuen technisch-zivilisatorischen Dimension abhaengig. Die Tatsache, dass ein vollkommen neues „Optimum” zur Ablösung des gegenwaertig rekonstruierbaren Kapitalismus notwendig ist, beweist es indirekt, dass die gegenwaertige historische Situation in einem konkreten Sinne bereits „optimal” ist. Selbst Marx schliesst sich also dem Wechsel der historischen Modelle an. Es ist selbstverstaendlich eine weitere Frage, wie Marx die Annahme des „Gegenwartsmodells” mit seiner auf der anderen Seite tatsaechlich stets beibehaltenen Position der universalen Geschichtsphilosophie vereinbart (6).

Die anders interpretierte Gegenwart wird also zur „Geschichte”, die Theorie von der so aufgefassten Gegenwart zur Geschichtsphilosophie vor. Wir sehen die Gegenwart als Ausfluss der Vergangenheit und die schon gegenwaertig existierende Zukunft.

Die Gegenwart hat ihre Dynamik, sie ist aber eine viel langsamere und ist in vielen Zusammenhaengen sogar „entzauberte” Dynamik. Es ist nicht mehr ein universal gedachter Geschichtsprozess, welcher die kausalen Bestimmungen liefert, es sind die immer unüberschauberer werdenden aktorialen Aktivitaeten, durch welche die Einzelnen auch zu historischer Wirksamkeit kommen, indem sie ihren Gegenwartsinteressen nachgehen.

Die Gegenwart kommt zu einer spezifischen Selbstaendigkeit , die in ihrer neuen Dynamik ein neues Modell der Geschichtsphilosophie abgibt. Sie dehistorisiert zunehmend die Vergangenheit. Da sie selbst als selbstaendig, nicht mehr also ein Glied in der historischen Kontinuitaet erlebt, löst sie alle konkreten Momente aus der historischen Kontinuitaet heraus und macht diese Momente zu entscheidenden Bestandteilen der aktuellen, sie vital interessierenden aktuellen Diskussion. Indem beispielsweise Friedrich Nietzsche sich mit der Genealogie der Moral im Kontext des Aufkommens des Christentums im untergehenden Römischen Reich auseinandersetzt, wird er nicht von der Absicht geleitet, dieses historische Moment als ausschliesslich historisches zu interpretieren oder es dann in einen Gesamtprozess der universalen Geschichte einzubauen. Er betrachtet – selber schon vom Geist und von der Methodologie des neuen Modells geleitet – dieses Problem als einen Teil der aktuellen Diskussion über die Moral. Er dehistorisiert also den Gegenstand (obwohl dabei sein eigentlicher historischer Charakter unangetastet bleibt) und macht ihn zu einem Teil der alles beherrschenden Gegenwart (7).

Das Gegenwartsmodell veraendert aber seine Relation zur Zukunft auch grundsaetzlich. Nicht nur dehistorisiert es die Zukunft, es defuturisiert auch die Zukunft. Es verlegt sie in die Gegenwart vor. Zukunft motiviert die Handlungen der Gegenwart. Die führenden Einstellungen der Gegenwart konstituieren die Zukunft nicht nur spontan, man arbeitet in der Gegenwart an der langfristig bestehenden Beschaffenheit der Zukunft in Politik und Wirtschaft (8).

In diesem defuturisierenden Zug verschwindet die Grenze zwischen Gegenwart und Zukunft immer mehr. Eine der relevantesten Konsequenzen dieses Wechsels ist die Einsicht in die wachsende Bedeutung der geschichtsbildenden Kraft des Einzelnen, in die Wichtigkeit der menschlichen Freiheit, die soziologisch auch zur Aufwertung der sinngebenden Intelligenz führt, zu deren Protagonisten neben Nietzsche unter vielen anderen auch Hermann Broch gehört.

Wir möchten zeigen, dass Hermann Brochs auf die Werte aufgebaute Geschichtsphilosophie (oder auf die Geschichte aufgebaute Wertphilosophie) auf dieselbe Weise verfaehrt. Sein Mittelalter oder seine These vom Zerfall der Werte ist keine Anstrengung, einen historischen Gesamtprozess zu konstruieren und durch diesen Gesamtprozess zur Gegenwart zu kommen, um erst dann die spezifischen Probleme der Gegenwart erschliessen zu können. Sein Verfahren ist auch genau in dem Sinne dehistorisierend,
wie es sich am Beispiel Nietzsches konkret zeigte.

Hermann Broch selber, wie seit Nietzsche die zeitgemaess-modernen Intellektuellen, ist auch selber ein vollkommenes Produkt dieser neuen Einstellung zur Gegenwart und dadurch zur Geschichte und zur Geschichtsphilosophie. Er, als Autor und als Denker, befasst sich mit dieser Problematik unter zwei Aspekten, in zwei Zeitperioden und in zwei literarischen Gattungen auf fundamentale Weise.

Das erste Werk ist die Schlafwandler -Trilogie, bei deren Analyse wir mit gewisser Überraschung feststellen müssen, dass Broch in ihr die psychologischen und die existentialen Zusammenhaenge dieser grossen Transformation zwischen der omnipotenten universalen Geschichtsphilosophie und dem „Gegenwartsmodell” voll thematisiert. Man dürfte sogar noch die These riskieren, diese grosse Transformation waere das eigentliche Hauptthema der grossen Trilogie. Ein Kompliment für die spezifisch Brochsche künstlerische Darstellung verdient es, dass sich die Thematisierung der existentialen Konsequenzen des Modellwechsels auch und vor allem in der epischen Darstellung selber erfolgt, obwohl die selbe Problematik im selben Roman auch rein theoretisch angesprochen wird. Das Gegenwartsmodell erweist sich als neue condition humain .

Liest man einmal mit der notwendigen Unbefangenheit die Schlafwandler -Trilogie unter diesem Aspekt, so kann man zu der Konsequenz kommen, dass die menschliche Psyche, die menschliche Existenz (9) sich zu diesem Modellwechsel auf eine kritische (wenn nicht – wie Broch es suggeriert- tragische) Weise nicht adaptieren konnte. Liest man die drei Baende der Trilogie vor diesem Horizont, werden die Grundgedanken der einzelnen Baende (Romantik, Anarchie, Sachlichkeit) mit Notwendigkeit notgedrungen auf diese Transformation bezogen. Dieses Reflektieren auf diese Grundproblematik zeitigt wie schon suspekt erscheinende einstimmige Ergebnisse.

Der Brochsche Begriff der Romantik (10) laesst sich in der Sprache des Modellwechsels so formulieren, dass der Romantiker seine von der einstigen universalen Geschichtsphilosophie ihm auferlegte Existenz in einer Gegenwart immer noch fortsetzt, die ihrerseits keine Geschichte mehr kennt und schon ihre eigene neue, vor den Romantikern unbekannte Definitionsmacht ausübt (11). Eine gegenseitige Entfremdung kommt auf, die Broch im ersten Band der Trilogie mit der Methode des schriftstellerischen Daemmerzustandes (12) mit gespenstischer Sicherheit darstellt.

Der Romantiker fühlt sich in der vom Gegenwartsmodell beherrschten und diktierten Welt vollkommen entfremdet. Es ist aber nur die eine Seite der Medaille. Zur historischen und aesthetischen Wirklichkeit gehört es aber bei Hermann Broch auch, dass der in der und von der Gegenwart lebende Protagonist, der Nicht-Romantiker also, sich in dem gegebenen sozialen Kontext auch entfremden muss. Indem seine positive Zeit-Adaequatheit von der unüberbrückbaren Entfremdung des Romantikers widerspiegelt wird, entfremdet er sich auch von jener Welt, die ursprünglich seine eigene Welt gewesen waere. Selbst der in der Gegenwart lebende Mensch wird also von der Entfremdung der Anderen aufgesogen. Selbst er kommt in einen luftleeren sozialen und existentialen Raum. Hermann Brochs schriftstellerische Grösse kann unter dem Aspekt des historischen Modellwechsels wieder einmal in ganz neuer Beleuchtung erscheinen. Wir kennen naemlich keinen anderen führenden Klassiker der Moderne, der dieses fundamentale Phaenomen der verdoppelten, nichtsdestoweniger aber auch gegenseitigen Entfremdung so eindeutig dargestellt haette, als Hermann Broch.

Auf unsere keineswegs geringere Überraschung harmonisiert auch die Brochsche „Anarchie” mit dem grossen Wechsel der Konstitution von Geschichte und Gesellschaft. Das spezifisch Brochsche Phaenomen der Anarchie beschreibt, wenn nicht gerade entdeckt die ebenfalls idealtypische Reaktion, dass die Gegenwart, die schon sowohl in ihrer Konstitution, wie auch in ihrer Wirkungsmaechtigkeit von der Geschichte endgültig getrennt ist, den elementaren Bedürfnissen von Freiheit und Ordnung nicht entspricht. Menschliche Primaerimpulse (Siegfried Kracauer ) spannen sich gegen eine wirkungsmaechtige Gegenwart. Die Gegenwart vertritt unveraendert ihren spezifisch „optimalen” Charakter (waehrend es hier, wie wir das schon vermerkt haben, nicht um ein Optimum in den Werten, sondern um ein Optimum an Institutionen und Funktionen geht). Mehrfach aussagekraeftig ist Brochs inspirierte Vision, in der er den Protagonisten der Anarchie, Esch, gerade mit einem „Funktionaer” der Gewerkschaft (Geyring) konfrontieren laesst. Denn zwischen Esch und Geyring existiert auch noch eine weitere Art der gegenseitigen und verdoppelten Entfremdung (13). Das Optimale der Gegenwart besiegte die Teleologie, die Romantik, aber auch die Utopie der universalen Geschichtsphilosophie. Brochs Anarchist entfremdet sich aus von der Gegenwart wie der Romantiker. Waehrend aber der Nicht-Romantiker (Bertrand in der Trilogie) in seiner Entfremdung jedoch mindestens noch die Entfremdung des Anderen sieht, erweist sich der Funktionaer als einer, der keine Reflexion auf die eigentlichen Problematik mehr hat. Es ist einfach brilliant, mit welcher selbstbewussten Heiterkeit Geyring den Kalvariengang von Esch begleitet, ohne dabei seine eigene Entfremdung auch nur im mindesten wahrzunehmen.

Nach „Romantik” und „Anarchie” erscheint aber auch die „Sachlichkeit” in der Brochschen Trilogie als eine der möglichen Interpretationen der condition humaine in dem Zeitalter des Gegenwartsmodells als funktionales und institutionelles Optimum. Auf der Welle des Optimums erscheint ein funktional motiviertes Fehlen von Werten, eine endgültige Konsolidierung des so verstandenen Optimums. Es ist sicherlich nur eine der möglichen Interpretationen dieses Zustandes. Es ist sicherlich auch so, dass Broch hier nicht die historische Transformation selbst, sondern deren menschliche Seite, exakter ausgedrückt, deren existentielle Aufarbeitung behandelt. Uns scheint es jedoch nachgewiesen worden zu sein, dass die breite Problematik der Transformation von einer universalen Geschichtsphilosophie in ein Gegenwartsmodell der Geschichtsphilosophie im grössten Masse hinter dem konzeptionellen Horizont dieses grossen Romans steht (14).

Das andere grosse Werk, in welchem sich Hermann Broch mit dem Modellwechsel in der Konstitution von Geschichte auseinandersetzt, ist der sog. Hofmannsthal -Essay (15). Im konkreten Medium der intellektuellen Geschichte von Berlin und Wien wird hier die grosse Transformation nicht direkt, vielmehr in der Perspektive der Analyse
kulturphilosophischer und soziologischer Fragestellungen thematisch.

Dies führt unter anderen auch dazu, dass der Übergang nicht nur durch die existentiellen Perspektiven von idealtypisch ausgewaehlten Protagonisten (wie es in der Trilogie der Fall war), sondern auch in theoretischen Verallgemeinerungen (wie in diesem Essay) sichtbar gemacht wird.

Brochs Ergebnisse harmonisieren auch im Zusammenhang dieses Werkes mit den allgemeinen Trends des historischen Modellwechsels.

Im soziologischen Vergleich hebt Broch hervor, dass in der Kunst des dritten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts die grossen historischen Perspektiven, sowie die von ihnen diktierte Sinngebung (wie etwa das Tragische) vom sozialen Erfolg, etwas konkreter gesagt, vom sozialen Aufstieg, bzw. von dessen Ausbleiben abgelöst wird. Unter anderen folgt daraus eine Umwertung des von Broch so vielfaeltig analysierten Verhaeltnisses zwischen Bürger und Künstler.

In wertphilosophischem Vergleich fokusiert Hermann Broch gerade in unserem oben angedeuteten breiteren Zusammenhang darauf, dass im Zuge dieser Transformation das im breiten Sinne verstandene Aesthetische das ebenso verstandene Ethische schwaecht, beseitigt, wenn nicht im Laufe der künstlerischen Entwicklung sogar auslöscht.

Diese beiden Diagnosen harmonisieren nicht nur miteinander, sie weisen dieselben Schwerpunkte auf, wie diejenigen der Schlafwandler -Trilogie.

Die grosse Transformation führte also in Brochs Augen zu neuen und gewaltigen Krisen und Konflikten. Dies ist aber insofern ab ovo in diesem Modell aufgehoben. Die Gegenwart hat nicht mehr die Omnipotenz der universalen Geschichtsphilosophie. Die auf das relative Optimum von Strukturen und Institutionen aufgebaute Gegenwart ist nicht homogen. Sie hat ihre eigene Dynamik und in ihren Raeumen bewegen sich die nunmehr frei gewordenen Individuen. Es bedeutet, dass die historische Qualitaet der Gegenwart in grossem Ausmass von der Realisierung der menschlichen Freiheit abhaengt.

Brochs Diagnose ist im wesentlichen pessimistisch. Die „Romantik”, die „Anarchie” und die „Sachlichkeit” führen zu komplizierten Entfremdungsvorgaengen, wodurch die Akteure die leeren Raeume der Gegenwartsstrukturen nicht durch freie und emanzipative Aktivitaet ausfüllen können. Das Optimale der Gegenwart erscheint nicht in der Existenz des Menschen. Die naeheren Umstaende helfen ihm dabei auch nicht besonders. Anstatt persönlich authentischen Glückes wird von ihm staendiger sozialer Erfolg erwartet. Anstatt der Verwirklichung des Guten muss er sich – im breitesten Sinne des Wortes – aesthetisch instrumentalisieren.

In diesem Versuch ging es noch nicht so sehr um eine vollstaendige Rekonstruktion der spezifisch Brochschen Interpretation der grossen Transformation. Was wir hiermit vor allem beweisen wollten, ist die Entsprechung dieses Modellwechsels mit der Brochschen Reflexion auf Geschichte und Gegenwart . Broch ging bereits vom Gegenwartsmodell aus, dachte seine Konsequenzen durch und kam auf diesem Wege zu ihren schlagartig neuen Fragestellungen.



Anmerkungen:

(1) Die Konstitution jener Begriffe und Vorstellungen, mit deren Vermittlung wir „Geschichte” konstitutieren, ist selbstverstaendlich primaer ein theoretischer Prozess, im Falle der Geschichte geht er aber sehr schnell in zahlreiche konkrete Vermittlungen hinüber. Selbst ein abstrakter Begriff der Geschichte referiert historische und soziale Empirie.
(2) In dem in diesem Versuch angewandten Modell erscheint Aufklaerung und die universale Geschichtsphilosophie des klassischen Idealismus in derselben Gruppe. In einem anderen theoretischen Kontext waere es selbstverstaendlich nicht erlaubt.
(3) In der entsprechenden Allgemeinheit würden wir an dieser Stelle schon betonen, dass die spezifisch enge Verbindung von Wert- und Geschichtsphilosophie bei Hermann Broch (die ja in der philosophischen Tradition überhaupt nicht eine verbreitete Variante ist) schon mit seiner tiefen Einbettung ins Gegenwartsmodell zu erklaeren waere. Über die allgemeinen Rahmen der in dieser Arbeit auch angewandten Broch-Interpretation s. Endre Kiss, Philosophie und Literatur des negativen Universalismus . Intellektuelle Monographie über Hermann Broch. Cuxhaven-Dartford, 2001.
(4) Dies ist der wahre Grund einer ansonsten nur sehr schwer zu erschliessenden philosophiehistorischen und wissenssoziologischen Problematik, namentlich der Tatsache, warum die richtige Geschichtsauffassung in einer grossen Anzahl der philosophischen Konzepte das eigentliche Wahrheitskriterium war und ist.
(5) Man muss den Unterschied machen zwischen der Dynamik der universalen Geschichtsphilosophie (erstes Modell) und der sozialen und wirtschaftlichen Dynamik des Gegenwartsmodells, in dem Institutionen und Strukturen sich in diesen quasi-optimalen Zustand eingetreten sind (zweites Modell).
(6) Dass dieser Unterschied quer durch Marxens Philosophie geht, kann keine Frage sein. Er verlegt einerseits das am zivilisatorischen Optimum gemessenes Ende des Kapitalismus in die ferne Zukunft, waehrend er andererseits die Pariser Kommune als die politische Form der Befreiung der Arbeit definiert.
(7) Eine interessante Konsequenz dieser neuen Situation ist die Veraenderung der Attitüde der Historiker selber, bzw., die der Erwartungen ihrer Taetigkeit gegenüber. Namen und Werke wie die von Buckhardt, Ranke oder Bachofen markieren diese Verschiebung.
(8) Die uferlose Geschichte der Planung kann die Dimensionen dieser Problematik klar machen.
(9) Wenn „Psychologie” heute nicht eine exakt umgrenzte Fachwissenschaft waere, sollten wir Brochs Fragestellung „psychologisch” nennen, weil es aber nicht der Fall ist, müssen wir das Attribut „existential” vorziehen.
(10) In unserem Kontext ist es alles andere als ein Zufall, dass auch der Begriff „Romantik” von Nietzsche stammt und eine eigene Bedeutung umkreist, die Broch voll übernimmt. – Es sei hier noch vermerkt, dass Brochs vielschichtige und polemische Auseinandersetzung mit dem Gegenwartsmodell sich auch in seiner sehr differenzierten Einstellung zum Positivismus artikuliert, denn „Gegenwartsmodell” und „Positivismus” lassen sich auf tausend Faeden miteinander verbinden.
(11) Auf eine praechtige Weise macht Broch es zum Leitmotiv seiner Darstellung, mit welchem vollstaendigen Unverstaendnis der junge Pasenow nicht nur die moderne Welt, sondern auch jeden Menschen erlebt, die sich in diesem modernen Alltag sich auskennen.
(12) S. darüber: Endre Kiss, Der Daemmerzustand in philosophischer, psychologischer und romanaesthetischer Beleuchtung. in: Austriaca ,Nr. 55 2003. 155-172.
(13) S. darüber eingehend: Endre Kiss, Wahrheit und Tragik der Anarchie. in: Hermann Broch oder die Angst vor der Anarchie (herausgegeben von Wilhelm Petrasch und John Pattillo-Hess). Wien, 1993. 47-53.
(14) Es laesst sich bereits an den Makrostrukturen nachweisen, indem sich jeder einzelne Protagonist der grossen Trilogie als eine intensive Verkörperung der möglichen Schlüsselattitüden des Gegenwartsmodells erweist.
(15) „Hofmannsthal und seine Zeit. Eine Studie” (1947-1948), in: Hermann Broch, Schriften zur Literatur 1. Kritik . Kommentierte Werkausgabe, Band 9/1. Frankfurt am Main, 1975. S. 111-284 und „Hugo von Hofmannsthals Prosaschriften” (1950), in: Ebenda , 285-336.



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