Ref. :  000023411
Date :  2005-09-05
Language :  German
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Das Archiv in den Umrissen einer Wissensgesellschaft



Author :  Endre Kiss


Das auf dem Worldnet mögliche “Archivieren”, der Aufbau von “Archiven” aller möglichen Arten gehört ganz gewiss nicht zu jenen Begriffen, die den aufmerksamen Leser in gutem Sinne schockieren könnten. Es ist nicht gerade leicht, dies zu beurteilen. Wir haben es hier wieder mit einer revolutionären Umwälzung zu tun, die das erschöpfte und besonders intellektuell nicht mehr aufnahmefähige Alltagsbewusstsein kaum adäquat nachvollziehen kann. Es geht um einen merkwürdigen Zug der neuen modernen Demokratie – das permanente Umlernen schafft ganz natürliche Hindernisse auf dem Wege der adäquaten Aufnahme von Inhalten und Fähigkeiten, die zur Wahrnehmung der zur modernen Demokratie notwendigen Möglichkeiten unerlässlich wären(1). Es ist ein faszinierendes Spektakel, die Gesellschaft in so einer Geschwindigkeit in permanenter Umwälzung erleben zu können. Es ist kaum weniger faszinierend, welche steten Differenzierungsprozesse von diesen technisch-medialen Innovationen unaufhörlich ausgehen. Eine transparente Soziologie dieser permanenten Differenzierungsprozesse ist noch nicht in Sicht. Trotzdem kann man verstehen (wenn auch sachlich unter keinen Umständen bejahen), wenn bei vielen die erste Reaktion auf diese unaufhörliche Umwälzung der kulturellen und sozialen Kapitalbildung die angeblich stets höher werdenden Unterschiede unter den einzelnen sozialen Gruppen ist(2).
Die ursprüngliche Idee des Archivierens dürfte als eine der ersten wirklich und unverfälscht postmodernen Ideen gelten (auch wenn diese Bezeichnung sich noch lange nicht durchgesetzt hat). Sie entstand im Übergang der sechziger und der siebziger Jahre, von dem vielleicht einmal gesagt wird: Es war eine bestimmende Zeit. Die Idee des Archivierens kam von Borges und Foucault, die zwar auf den Schultern voneinander standen, sich einander gleich und effektiv auch berühmt machten, das Archivieren selbst aber in zwei sich voneinander deutlich unterscheidenden Philosophien entwickelt haben . Zutiefst charakteristisch für die intellektuelle Entwicklung im letzten Drittel des Zwanzigsten Jahrhunderts, ließ das gleichzeitige intellektuelle Triumphieren das Fragen nach fundamentalen Differenzen kaum aufkommen(3).

Borges beließ den Grundgedanken des Archivierens in wohltuender Unsicherheit. So ließ es sich als das Aufzeigen der extremen Relativität jeglicher Diskursbildung - d.h. jeglicher möglichen legitimen Aufteilung der Wissensbereiche interpretieren, gleichzeitig aber auch als Demonstration der unaufhebbaren Relativität jeglichen Wissens - als ein Beweis für die Unmöglichkeit jeglicher Wissensintegration, bzw. jeglichen Archivierens. Auf der anderen Seite – war es ein Nachweis, dass das Wissen notgedrungen integrierbar ist, und zwar auf der (paradoxen) Grundlage, dass das nicht integrierbare Wissen auch noch vor der Revolution der Informatik durch mehrere Kulturtechniken trotzdem als eine Einheit vorgewiesen werden kann. Zu all diesen Bedeutungsversionen gesellte sich bei Borges auch noch diejenige, die im unveränderlichen Vorübergehen der Zeit jenes Moment erblickte, das die einzelnen Wissenselemente mit Notwendigkeit zerreißt und damit das Archivieren verunmöglicht. Gerade diese Unmöglichkeit generiert jedoch die Notwendigkeit und die Motivation des Archivierens. Aus all dem zieht Michel Foucault mit Hilfe einer bei ihm nicht gerade unüblichen kraftvollen Simplifizierung die These von der allseitigen und ewigen Willkürlichkeit des Wissens, herbeigeführt vom Differenzdenken und von politischer Macht Auf diese These baute er konsequenterweise seinen Konzept der Archivierung auf.

Es ist sehr lehrreich, an dieser Stelle auch noch darauf hinzuweisen, dass sich diese beiden miteinander nicht harmonisierenden Standpunkte noch vor dem Triumphzug des PC , d.h. vor der Periode des elektronischen Network-Aufbaus herauskristallisiert haben. Es heißt, dass die aktuelle Problematik des Archivierens auf eine durchaus widersprüchliche Entstehungsgeschichte, wenn man will, auf einen stark widersprüchlichen Entstehungsmythos zurückgeht.

Während also der Grundgedanke des Archivierens seinen relativistischen Charakter bis heute bewahrt, erweist sich das elektronische Archivieren in demselben Kontext als ein unrettbar konstruktives und produktives Unternehmen. Der PC hat die ursprüngliche Problematik des Archivierens zweifelsohne gelindert, wenn eben nicht viel harmonischer gemacht. Insbesondere gilt es für Foucault, dessen Wissenschaftsgeschichte(4) die bestimmenden wissens-integrierenden Wissenschaften des neunzehnten Jahrhunderts mit eigenartiger Großzügigkeit außer acht lässt (wie er übrigens das neunzehnte Jahrhundert generell, mitsamt Marx, Darwin oder Freud vollkommen ignoriert). Kein Wunder, dass bei ihm weder die Ideengeschichte, noch der Historizismus oder die hermeneutischen Wissenschaften der Kultur und der Bildung zum Zuge kommen, was soviel heißt, dass gerade diejenigen Disziplinen bei ihm nicht thematisch werden, die zur sachlichen Fundierung des Wissensarchivierens auch noch heute relevant beitragen könnten.
Der so charakteristisch postmodern anmutende Gedanke des Archivierens wurde also noch in der dem PC vorausgehenden Zeit geboren und trug von Anfang an das Zeichen eines wahren Paradoxons. Dieses Paradoxon oszillierte die ganze Zeit zwischen der spektakulär prinzipielle Unmöglichkeit und der technischen Machbarkeit des Archivierens . Dabei blieb die ganze Fragestellung nach den Prinzipien des Archivierens beinahe gänzlich zurück.

Das Unmögliche wurde auf eine nicht ganz genau vorher gesehene Weise möglich. Die vor allem in dem PC ihre bisher endgültige Gestalt annehmende Revolution in der Informationstechnologie wies den Weg nach vorne. Der gewaltige konstruktive Weg zerstreute aber die dekonstruktiven Momente nicht ganz. Der PC machte Archivieren auf eine effektive und ökonomische Weise möglich, während er seine eigenen revolutionären Errungenschaften in eine Hülle der offen eingestandenen neuen Beliebigkeit kleidete. Jedes Wissen wurde nunmehr integrierbar, der PC löste aber „nur“ all die Schwierigkeiten der „physischen” Integration, machte jedoch der Beliebigkeit des zu Integrierenden und des Integrationsprozesses noch kein Ende. Der PC legitimierte sogar die Vorstellung, die technische Integrierbarkeit muss und soll mit inhaltlicher Integrierbarkeit nicht unbedingt zusammengehen. Dadurch entwickelte sich das Archiv zu einem Enziklopädismus der Kontingenz , während die große Enzyklopädie des achtzehnten Jahrhunderts trotz seines lexikalischen Aufbaus eine wahre Wissensintegration auf den Tag legte.

Eine Wissenschaft, sogar eine neue Wissenschaft des Wissens dürfte also das Archivieren werden. Will man jedoch auf diesem Wege weiter gehen, so wird man mit der unerwarteten Schwierigkeit konfrontiert, dass man nicht unmittelbar einen komplexen und zeitgemäßen Standpunkt vom Wissen einnehmen kann. Da wird man sich der Tatsache gewahr, dass sich die Philosophie (sehr breit aufgefasst: die gesamte Disziplin des Philosophischen) bis jetzt kaum mit dem Wissen als Wissen auseinandergesetzt hat.

Es stellt sich heute heraus, man befasste sich in den aufeinander folgenden historischen Perioden stets mit einer konkreten Art des Wissens, jederzeit stillschweigend
vorausgesetzt, dass dieses konkrete Wissen mit dem Wissen überhaupt identisch ist. Der Augenblick der Wahrheit zeigt sich in dieser Attitüde. Das jeweils für richtig und wahr gehaltene Wissen war es nämlich, das die generelle Problematik des Wissens aus dem Blickfeld des theoretischen und dadurch des praktischen Interesses so wirkungsvoll verdrängt hat.

Das universale Projekt des Archivierens weist ferner auch all jene Konflikte und Widersprüche auf, die sich zwischen der Mediatisierung und deren Gebrauch, sowie zwischen dem System und dessen Zugänglichkeit gewöhnlich artikulieren. Denn auch beim Archivieren liegt es auf der Hand, dass während die Technologie einen unbegrenzten Zugang ermöglicht, die marktwirtschaftlichen Verhältnisse diese prinzipielle Unbeschränktheit bewusst einschränken möchten. Als ein weiterer Widerspruch erscheint, dass die Belletristik im Net mit Notwendigkeit zur gleichen Zeit (noch) persönlich und (schon) funktional-unpersönlich ist. Unter diesen Umständen wird es zunehmend problematischer, wenn der Autor auf den Wellen der neuen Mediatisierung auch an der traditionellen autorialen Rolle festhalten will. Ein weiterer, nicht weniger umfassender Widerspruch ist es, dass während die Archivierung des Wissens eine beispiellos ausgedehnte Erinnerung hervorruft, deren bisher tatsächlich noch nicht vorstellbare Kapazität restlos zerstört werden kann(5).

Das Archiv führt mit Notwendigkeit zur Vergesellschaftung jeglichen Wissens. Auf eine merkwürdige Weise ist es aber eine individuell ausgeführte Vergesellschaftlichung. Dadurch erinnert es (auch als Phänomen der so genannten Hochkultur) daran, was sich heute auf dem Gebiet der so genannten Massenkultur auch in großer Intensität abspielt. Im Besitz der heutigen Kommunikationsmittel, unter den Bedingungen der heutigen Lebensformen und aufgrund der Struktur der aktuellen kulturellen Bedürfnisse generiert sich die Situation, dass jeder Einzelne seine (ihre) Massenkultur individuell zusammenstellt. Auch das Archiv vergesellschaftet Wissen auf dem Wege zahlloser individuell vergesellschaftlichter Wissensakte. Diese Vergesellschaftung produziert eine neue Monadenwelt, in der jede Monade in sich und individuell das Ganze des Wissens potentiell wieder aufbauen kann. Somit wird entstehende Kategorie des Gesellschaftlichen nicht nur zu einer neuen Kategorie unserer Jahre, sondern auch zu einer neuartigen Kategorie der Gegenwart.

Dies ist aber auch nicht die letzte utopisch anmutende Dimension bei der Konstituierung des Archivs. Das Archiv mitsamt seinen technischen Hintergründen dürfte nämlich zu einer im wesentlichen von der Macht unabhängigen Vergesellschaftlichung des Wissens führen(6). Dadurch stellt es die alte Frage neu. Dürfte es möglich sein, dass die für seine Strukturierung notwendige Sinngebung ihrerseits wieder in einer Kategorie der Macht landet? Das Archiv schafft den Augenblick einer machtlosen Utopie in der Geschichte des Wissens . Diese Möglichkeit kann aber auch klang- und lautlos vorübergehen, wenn strukturierende Sinngebung im Wissen sich zugleich als soziale Macht entlarvt.

Das Archiv dürfte sonach die Überwindung der Macht in der Organisation des Wissens oder – dialektisch – gerade die Reproduzierung der Macht in dieser Funktion sein. Das Archiv kann deshalb die Verwirklichung der Utopie eines machtfrei organisierten Wissens oder – gut dialektisch - ein neuer Aufguss Reproduzierung der sinngebend Wissensverteilenden Macht sein. Sie gilt als potentielle Verwirklichung, aber auch als potentielle Überwindung in derselben Gestalt.

Es gilt als eine ebenfalls merkwürdige Ungleichmäßigkeit, wenn nicht gar Ungleichzeitigkeit der Situation, das dass Archivieren auch in seiner Qualität als Utopie bereits wie fertig vorliegt, während die Diskussion über Sein/Nicht-Sein, aber auch über den Charakter und die Beschaffenheit der Wissensgesellschaft immer noch nicht eindeutig entschieden ist. Es hört sich wie ein Zufall an, dass gerade an der Jahreswende 2005/2006 Bill Gates(7) eine neue Kampagne startet, um das Wesen des Wissens, bzw. der Wissensgesellschaft neu zu definieren. Angesichts der seit Jahrzehnten andauernden ständigen Bestrebungen, das Spezifische der Informations- und Wissensgesellschaft zu definieren, erhält Bill Gates’ plötzlicher theoretischer Eifer eine starke Brisanz. Sie rührt daher, dass in Sachen Globalisierung und Wissensgesellschaft (um nur diese zwei wichtigsten Beispiele zu nennen) das rein theoretische und das rein praktische Interesse voneinander nur um den Preis von den größten Schwierigkeiten zu trennen sind. Der jeweilige Nutzen einer tieferen theoretischen Einsicht ist allen unmittelbar Beteiligten, nicht nur dem Urheber, sondern auch dem Mediator der Einsicht bewusst, so dass die Definition einer Informationsgesellschaft von Anfang an eine höchst praktische Angelegenheit ist(8). Bill Gates frisch gewachsene Kritik weist daher keine alltägliche Brisanz auf, indem er retrospektiv zurückschauend plötzlich feststellt, dass die Wortbildungen „Informationsgesellschaft“, „Informationszeitalter“ und dergleichen am Wesen der Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte vorübergehen. Auf einen Schlag sieht auch er, die Information sei doch etwas Eingeschränktes, ja, die Information sei letztlich sogar doch nicht mehr als die Formulierung von Daten, Fakten und ökonomischen Grundkenntnissen. Nicht weniger plötzlich sieht er auch, dass das Wissen in irgendeinem Sinne „tiefergehend“ sei als Information. Dies können wir fast als einen Kopfsprung des Microsoft-Mans in die Pazifik germanisch orientierter Metaphysik auswerten. Auf der nagelneuen Waage Gates’ erweist sich sogar auch noch die bisherige Erfolgsgeschichte der „Informationsdemokratie“ als leicht. Während, so Gates, man den Zugang zu den Informationen für alle möglich gemacht habe(9), erscheint es jetzt als die historische Aufgabe, dass dasselbe nun auch mit dem Wissen so passiert.

Nur Outsider von böser Absicht würden an dieser Stelle daran denken, dass Gates jetzt zu dieser Aufwertung des Wissens im Gegensatz zur Information kam, um die auf den höchsten Wellen ihres Erfolges reitenden Google-Mannschaft aus dem Sattel zu heben. Denn dies würde bedeuten, dass die für das Archivieren so entscheidende Unterscheidung zwischen Wissen und Information selbst für einen Bill Gates erst so spät deutlich geworden ist . Diese Personifizierung, wenn man will, diese Zufälle in der Entfaltung der Wissenspolitik erinnern mit großem Nachdruck an die fehlenden Akteure auf diesem Gebiet. Es ist nämlich überdeutlich geworden, dass so umfassende soziale Chancen mitnichten den Zufällen der Markwirtschaft, bzw. deren privilegierten Akteuren überlassen werden dürfen(10). Es gilt als eine neue Facette einer neuen Relation zwischen „Erkenntnis” und „Interesse”.

Die exakte Unterscheidung zwischen den Begriffen des Wissens und der Information ist die allerwichtigste Grundlage sowohl für die Informations- wie auch für die Wissensgesellschaft, aber auch für die Archivierungsproblematik überhaupt. Gerade im Archiv wird ein produktiver und in der Praxis gangbarer Mittelweg zwischen der Information (als eine einen Gegenstand der positiven Realität referierende Aussage) und dem Wissen (ein organisiertes und verifiziertes Kontinuum von Informationen, bzw. Aussagen) ersichtlich. Im engeren Sinne würde das Archiv Informationen archivieren, in einem etwas erweiterten Sinne ist es aber schon nicht mehr so. Denn die Prinzipien des Archivierens enthalten – wenn man will, ungewollt – Prinzipien der Wissenskonstitution und der Wissensverteilung. Auf der anderen Seite – und dafür sind Beispiele die früheren Kapitel des Archivierens selber – soll Archiv sich als jenes des Wissens und nicht der Information erweisen. Und obwohl jedes konkrete Archivieren nur eine konkrete Verwirklichung eines umfassenderen Begriffs des Wissens realisieren kann, werden Archive unumgängliche Demonstrationsobjekte dessen, was Wissen eigentlich heißt. Das Archiv symbolisiert auf eine handgreifliche Weise wie die einzelnen Arten des Wissens damit beginnen ineinander überzugehen. Sie treten hierbei in gegenseitigen Austausch miteinander. Sie wachsen, aber sie wachsen auch gemeinsam. Sie entwickeln eine vertikale Gliederung, aber auch eine in die Höhe wachsende Komplexität. Existierende Wissen existieren in einem Raum des ständigen Vergleichens miteinander. Das Individuum muss sich stets mit den ihn umgebenden Wissensangeboten auseinandersetzen, wodurch Wissen immer nur individuell realisiert, nämlich in der Gestalt des Wissens eines Einzelnen.

All das berührt aber noch nicht die peinlich traditionelle Seite des Wissens und der Wissensakkumulation, die weder mit reiner Informatik als Instrument, noch mit der in die Enge getriebene Schulpolitik von den verschuldeten Staaten unserer Tage adäquat zu lösen ist. Mögen die wirklichen Gesetze der Akkumulation des Wissens sein, wie sie sind, sein wirklicher Ausbau ist aber nur möglich, wenn seine Elemente an sich „wahr” und in diesem Bild gedacht: „tragfähig” sind. Je komplexer und vielschichtiger also die einzelnen Wissen ineinander eingebaut sind, desto stärker wächst die Möglichkeit dessen, dass in diesem Sich-Ineinandergenerieren der einzelnen Wissen auch falsche oder anderswie nicht adäquate Wissensmomente aufgehoben werden, was aber selbstverständlich die ganze Wissensakkumulation in falsche Bahnen lenken kann. Zu all dem gehört die ganze methodologische Problematik der Transformation von heterogenen Wissensarten ineinander. Denn so erstaunlich es auf den ersten Augenblick auch erscheinen mag, die Transformation der einzelnen Wissensarten ineinander ist ein vorwiegend unbewusster - ein „tacit” Vorgang, deren Praxis auch dann noch sehr erfolgreich funktionieren kann, wenn sie sich „von außen” theoretisch-methodologisch kaum adäquat beschreiben lässt(11). Trotz all diesen Schwierigkeiten kann es jedoch trotzdem nicht bezweifelt werden, dass die vorhin erwähnte Forderung nach der Wahrheit, d.h. der wirklichen Geltung der einzelnen Wissensmodule eine unerlässliche Bedingung der Wahrheit, aber auch der Geltung des ganzen akkumulierten Wissens ist und bleibt. Als Fazit bleibt die nüchterne Wahrheit, dass das wahre Wissen durch keine Mediatisierung und mediale Transformation abgelöst werden kann. Für das wahre Wissen müssen wir stets arbeiten und kämpfen.

Dieser „unbewusste” Stich der höheren Wissensakkumulation und –integration schreibt es geradezu vor, den Transfer oder die Transferabilität des Wissens im Bereich dieser Diskussion nicht als eine Konstellation der Mediatisierung anzusehen. Hier bietet sich die Einsicht an, die Transferabilität des Wissens als das Fundament der Konstitution höherer und komplexerer Wissensformen zu definieren.

Die Unterscheidung zwischen „totem” und „lebendigem”, „altem” und „neuem” Wissens bleibt für alle Ewigkeiten eine Waffe sparbereiter Schulpolitiker verschuldeter Staaten. Denn gerade die wahre Natur des Wissens relativiert jegliche Relativierungen des wahren Wissensbegriffes . Das wahre Wissen ist grenzenloses Integrieren und ein unbewusstes Addieren von miteinander kompatiblen Wissensmomenten, wobei der omnipotent eingestellte Markt nur auf einer Strecke von wenigen Jahren wirklich voraussagen kann, welche Wissensformen in der Zukunft tatsächlich von ihm erwünscht werden. In dieser Hinsicht gilt uns der ehemalige Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu als der wahre Sprecher der Marktwirtschaft, denn er wusste Anfang der siebziger Jahre schon ganz genau, auf welche Wissensformen der Weltmarkt in der nahen Zukunft Anspruch erheben wird und kommandierte die ganze rumänische Jugend in die Berufschulen von Drehern, Schlossern und Elektrikern. Kurz nachher fiel aber – motiviert von den Verschiebungen des Weltmarktes – die rumänische Wirtschaft zusammen, was auch so viel heißt, dass der Markt wieder nicht ganz genau vorhersagen konnte, welche Wissensformen, welche Elemente und welche Synergetik von Wissensmodulen für die Mitglieder einer Gesellschaft wirklich progressiv und zukunftsweisend sind.

Die klassischen Schwierigkeiten der relevanten und wettbewerbsfähigen Wissensaneignung lassen sich im Wesentlichen auch durch weitere Formen der Organisation, somit auch noch durch Networks oder andere Versionen der Teambildung beheben. Diese Formen helfen tatsächlich in der qualitativen Akkumulation des Wissens. Untersucht man diese positive Differenz etwas näher, so wird man zur Einsicht kommen müssen, dass die Leistungssteigerung nur in kleinerem Ausmaß durch die Potenzierung des positives Erkenntnisvermögens eines solchen Teams erfolgt, zum größeren Teil stammt sie von der besseren Differenzierung der inneren Arbeitsteilung der Teilnehmenden. In diesem Sinne erfolgt also die Leistungssteigerung nicht, weil das Network „mehr weiß” als die Beteiligten im einzelnen. Das Network kann unentdeckte Fehler systematisch besser aufdecken, kann viele Probleme zur Konsultation anbieten, etc. Er kann also Probleme und Fehler besser korrigieren als ein Einzelner.

Auch diese Erlösung in der Form des Teams kann also keine Wunder zeitigen. Wissen lässt sich nicht ablösen oder reduzieren. Was nur helfen kann, ist der PC und das Archiv…



( ) Es geht hier selbstverstaendlich um die für die moderne Demokratie unerlaessliche demokratische Kompetenzbildung, deren Komponente in grosser Anzahl von intellektueller Natur und daher auch mit dem „Wissen” untrennbar verbunden sind.
(2) Selbstverstaendlich ist es letztlich eine inadaequate Reaktionsform, wenn jeder echte Fortschritt anfangs als ein Faktor angesehen wird, der die sozialen Unterschiede vergrössert.
(3) Vielleicht laesst sich dieser Zug auch verallgemeinern. Der Eindruck wird von immer mehreren Seiten verstaerkt: die wissenssoziologisch-ideologiekritische Analyse von zahlreichen Leitideen von unseren Tagen geht nicht genügend tief, es sind zahlreiche bestimmende Begriffe im Kurs, deren Bedeutung letztlich verschwommen und unklar sind.
(4) S. Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge . Frankfurt am Main, 1999. (Erste, französische Ausgabe. 1966.) – Es ist auffallend, mit welchem philosophischen Respekt die wissenschaftliche Gemeinschaft eine Konzeption der neugeschriebenen Wissenschaftsgeschichte aufnahm, der die schicksalhaften Ereignisse des neunzehnten Jahrhunderts bewusst abgehen.
(5) Hier erscheinen jedoch zwei relevante Momente. Einerseits stellt der beispiellos umfassende Charakter des Archivs allein schon beispiellos umfassende Forderungen an die Erinnerung. Andererseits erweist sich gerade dieses Archiv und gerade in diesen schwindelerregenden Dimensionen sicherheitstechnisch als nicht genug intakt.
(6) Lassen wir jetzt die historisch-theoretische Dimension beiseite, ob und in welchem Ausmass ausschliesslich nur „die Macht” zur Konstitution der wesentlichen Wissensformen beitrug. Wir teilen nicht eine radikalere Auffassung in dieser Problematik, nichtsdestotrotz kann hier jedoch die theoretische Problematik der Macht nicht umgegangen werden.
(7) : Newsweek , Special Edition, December 2005 February 2006. – S. darüber Endre Kiss, „Bill Gates kiosztja a tudást”, in: e-Világ , 2006, január, 7-8.
(8) Es geht hierbei um das mehrheitlich tatsaechlich neue Phaenomen, dass die theoretische Definition der Informations. und Wissensgesellschaft bereits im Augenblick ihrer Entstehung schon gewissen partikulaeren Interessen zum Vorteil und anderen ebenfalls partikulaeren Interessen zum leicht wahrnehmbaren Nachteil recht. Das heisst aber auch, der der Vermittlungsweg von der theoretischen Einsicht in die Region der praktischen Interessen extrem kurz geworden ist.
(9) Wir überspringen hier die Problematik der für gewisse Dienstleistungen festgestellten Gebühre.
(10) S. darüber Endre Kiss, Tudástársadalom, globalizáció, aktorok. (Wissensgesellschaft, Globalisierung, Akteure). in: Magyarország és a 21. század kihívásai az Európai Unióban . Komárom-VEAB, 2004. II. kötet. 312-319.
(11) Es beinhaltet den praktisch „unbewussten”, d.h. ohne unsere bewusste Teilnahme und Reflexion vor sich gehenden Charakter der Wissensakkulumation und des synergetischen Ausgleiches der einzelnen Wissensbestaende. Das Unbewusste gerade des Wissens ist eine faszinierende Tatsache.





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