Ref. :  000020745
Date :  2005-09-16
Language :  German
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Zugang zu Medikamenten

Medikamente

Author :  Raffaele Salinari


Als eine vorläufige Definition kann „Zugang zu Medikamenten“ als die direkte und dauerhafte Möglichkeit für jede hilfsbedürftige Person verstanden werden, ohne jede Hindernisse einen Zugang zu notwendigen gesundheitsverbessernden Medikamenten zu haben. Jeder hilfsbedürftigen Person muss ohne jegliche Benachteiligung ermöglicht werden, von den Medikamenten zu profitieren, die ihr das Leben retten, ihre Gesundheit verbessern oder heilbaren Krankheiten vorbeugen.

Diese Definition erwächst aus dem Prinzip, dass Gesundheit ein fundamentales Menschenrecht ist, wie es in der UNO-Menschenrechtserklärung festgelegt ist, die von der Mehrheit der UNO-Mitgliedsstaaten vor mehr als 50 Jahren angenommen wurde. Der Zugang zu Medikamenten muss deshalb als ein substantieller Bestandteil dieses fundamentalen Rechts betrachtet werden. Schon seit den 70er Jahren veröffentlicht die Welthandelsorganisation (WHO) eine Liste grundlegender Medikamente, zu denen alle Personen auf der ganzen Welt im Bedarfsfall Zugang haben sollten. Bis zum heutigen Tag jedoch haben zu viele Menschen - die Mehrzahl der Weltbevölkerung - immer noch einen eingeschränkten Zugang zu diesem Recht.

Global betrachtet existiert eine gewaltige Kluft bezüglich dieses Zugangs: Noch immer haben zu viele Menschen, die in so genannten Entwicklungsländern leben, nur einen eingeschränkten Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten - die Leben retten oder vor übertragbaren Krankheiten schützen, wie beispielsweise antivirale Wirkstoffe gegen HIV, Tuberkulose oder andere tödliche Infektionskrankheiten, oder auch Impfstoffe gegen Pocken oder Polio. Viele Menschen im Norden glauben, dass die moderne Medizin entscheidend daran arbeitet, die globale Gesundheit zu verbessern. Jedoch, wie die Kampagne der MSF (Médecins Sans Frontières - Ärzte ohne Grenzen) für einen grundlegenden Zugang zu Medikamente belegt: „Polio wurde annähernd ausgelöscht, die Pocken wurden ausgerottet, und es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis Heilmittel für alle Krankheiten gefunden werden. Jedoch ist dieses Vertrauen unangebracht und eher Geschichte als Realität.“

Heute mangelt es einem Drittel der Weltbevölkerung an lebensnotwendigen Medikamenten. In den ärmsten Gegenden Afrikas und Asiens wächst diese Zahl sogar bis zur Hälfte. Der Grund, warum die Mehrzahl der Bevölkerung in Entwicklungsländern - ebenso wie die ärmsten Bevölkerungsschichten in reichen Ländern - wenig bis überhaupt keinen Zugang zu Medikamenten haben, ist unmittelbar mit dem ultraliberalen Phänomen der Globalisierung verbunden, das die Gesundheit als eine bloße Handelsware betrachtet, als etwas, das nur den Gesetzen des Marktes gehorchen muss, anstatt zuallererst darauf abzuzielen, die Gesundheit aller Menschen zu sichern. Es gibt viele Gründe, warum dies geschieht. Die Tatsache, dass die Mehrzahl der lebensrettenden Medikamente patentiert und damit Eigentum von Pharmakonzernen ist, ist einer der Gründe für die hohen Preise der Medikamente.

Ein weiterer Grund besteht darin, dass im Norden Kürzungen in den Ausgaben und die Privatisierung der Gesundheitssysteme die Ärmsten der Armen vom Zugang zu lebensrettenden Medikamenten eindeutig benachteiligen. Gleichzeitig zerstört die „Rationalisierung“ der Gesundheitssysteme, die den Entwicklungsländern beispielsweise von der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfond (IWF) auferlegt wurde, die öffentliche Gesundheitspolitik - und, als Konsequenz, den Zugang zur Gesundheitsfürsorge für die Mehrheit der Menschen in diesen Ländern. Die niedrige Qualität von Diagnosen, der Missbrauch bei den Verschreibungen von Medikamenten und Schwächen bei den Verteilungssystemen sind auch Gründe, die den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten in den armen Ländern limitieren.

In den letzten 20 Jahren hat die AIDS-HIV-Epidemie wesentlich dazu beigetragen, die Kluft zwischen denen, die den Preis für die lebensrettenden Medikamente bezahlen können, und denen, die von ihrem Recht auf Gesundheit ausgeschlossen wurden, zu vergrößern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) machte die internationale Gemeinschaft auf die Tatsache aufmerksam, dass innerhalb der nächsten 20 Jahre, wenn diese Kluft aufrechterhalten wird, ein wesentlicher Teil der afrikanischen Bevölkerung durch AIDS sterben oder daran erkranken wird - eine Tatsache, die enorme negative Auswirkungen auf das ökonomische und soziale Leben dieses Kontinents haben wird. In diesem Sinne bedeutet der Zugang zu Medikamenten ein wichtiges politisches Problem, das nur mittels eines globalen politischen Willensaktes gelöst werden kann.

Es gibt verschiedene Lösungsansätze, die aus einer Kombination von verschiedenen Strategien bestehen, die Preise für Medikamente zu verringern und den Zugang zu ihnen sicherzustellen. Um die Preise für die grundlegenden Medikamente zu verringern, ist eine Kombination von neuen internationalen Gesetzen bezüglich der Patentrechte, des internationalen Handels (die Handelspolitik muss das höchste Schutzniveau der öffentlichen Gesundheitssysteme garantieren) und der öffentlichen Politik, die die öffentlichen Gesundheitssysteme unterstützt, notwendig - sowie eine Gesetzesanwendung, die den Zugang zu Medikamenten in den Entwicklungsländern garantiert. Die Möglichkeit für arme Länder, Zugang zu so genannten „Nachahmepräperaten“ zu haben, die dieselben aktiven Inhaltsstoffe beinhalten wie die herkömmlichen Medikamente, die aber nicht durch Patentrechte eingeschränkt sind, ist auch ein Teil dieses globalen Lösungsansatzes.

Ein zweites Thema ist der Ausbau der Forschung über die so genannten „vernachlässigten Krankheiten“ - beispielsweise Tuberkulose, Malaria, Schlafstörungen oder Infektionen im Zusammenhang mit Diarrhö. Heutzutage ist die Pharmaindustrie nicht genügend daran interessiert, effiziente und preiswerte Medikamente für diese Krankheiten herzustellen, weil die Verbraucher arm und nicht in der Lage sind, die hohen Preise zu bezahlen. Die Entwicklungsländer insoweit zu unterstützen, dass sie ihre eigenen öffentlichen Verfahrensweisen im Bereich Forschung entwickeln können, ist auch Teil dieses Lösungsansatzes.


Für weitere Informationen:

- www.accessmed-msf.org

- "Globalization and Access to Drugs"


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