Ref. :  000012448
Date :  2004-05-04
Language :  German
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Mimetische Grundlagen kulturellen Lernens

Author :  Christoph Wulf


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Neuere Arbeiten in der Primatenforschung haben gezeigt: Zwar gibt es elementare Formen mimetischen Lernens auch bei anderen Primaten; doch sind Menschen in besonderer Weise fähig, mimetisch zu lernen. Kulturwissenschaftler überrascht diese Erkenntnis nicht. Schon Aristoteles hat in der Fähigkeit zu mimetischem Lernen und in der Freude der Menschen an mimetischen Prozessen eine besondere menschliche Begabung gesehen. Unter Bezugnahme auf die Erforschung des Sozialverhaltens von Primaten und im Vergleich zu diesen ist es einigen Vertretern der Entwicklungspsychologie und der kognitiven Psychologie in den letzten Jahren gelungen, einige Charakteristika des menschlichen Lernens in diesem frühen Alter zu bestimmen und den besonderen Charakter des mimetischen Lernens beim Menschen im Säuglings- und Kleinkindalter herauszuarbeiten. Zusammenfassend beschreibt Michael Tomasello diese Fähigkeiten für alle Säuglinge und Kleinkinder wie folgt: „Sie identifizieren sich mit anderen Personen; nehmen andere als intentionale Akteure wie sich selbst wahr; nehmen mit anderen an Aktivitäten gemeinsamer Aufmerksamkeit teil; verstehen viele der kausalen Beziehungen, die zwischen physischen Gegenständen und Ereignissen in der Welt bestehen; erkennen die kommunikativen Absichten, die andere Personen durch Gesten, sprachliche Symbole und Sprachkonstruktionen ausdrücken; lernen anhand von Imitation durch Rollentausch anderen gegenüber dieselben Gesten, Symbole und Konstruktionen hervorzubringen; und bilden sprachlich basierte Gegenstandskategorien und Ereignisschemata.“ (1) Diese Fähigkeiten versetzen Säuglinge und Kleinkinder in die Lage, an kulturellen Prozessen teilzunehmen. Sie können sich an den Inszenierungen der Praktiken und Fertigkeiten der sozialen Gruppe beteiligen, in der sie leben, und sich dadurch deren kulturelles Wissen aneignen. Die hier beschriebenen Fähigkeiten verweisen auf die zentrale Bedeutung des Modellernens für die Entwicklung des Kleinkindes. (2) Diese Prozesse lassen sich jedoch besser als mimetische Prozesse begreifen. Die Fähigkeiten, sich mit anderen Personen zu identifizieren, sie als intentional Handelnde zu begreifen und mit diesen Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, ist an das mimetische Begehren des Kindes gebunden, den Erwachsenen nachzueifern, sich ihnen anzuähneln bzw. wie sie werden zu wollen. In diesem Begehren, den Älteren ähnlich zu werden, liegt die Motivation dafür, kausale Beziehungen zwischen den Gegenständen der Welt zu begreifen und die kommunikativen Absichten anderer Menschen in Gesten, Symbolen und Konstruktionen zu verstehen und wie diese Gegenstandskategorien und Ereignisschemata herauszubilden. Bereits mit neun Monaten erreichen Kleinkinder diese in den mimetischen Möglichkeiten des Menschen liegenden Fähigkeiten, über die andere Primaten zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens verfügen können. (3)

Die hier beschriebenen mimetischen Fähigkeiten lassen Kleinkinder an den kulturellen Produkten ihrer Gesellschaft teilnehmen. Sie ermöglichen, was in der Psychologie der „Wagenhebereffekt“ genannt wurde, der darin besteht, dass Kleinkinder aufgrund ihrer mimetischen Fähigkeiten die materiellen und symbolischen Produkte ihrer kulturellen Gemeinschaft inkorporieren können, diese dadurch erhalten bleiben und, ohne verloren zu gehen, an die nächste Generation weitergegeben werden können.

Mimetische Prozesse richten sich zunächst vor allem auf andere Menschen. In ihnen nehmen Säuglinge und Kleinkinder auf die Menschen Bezug, mit denen sie zusammenleben: Eltern, ältere Geschwister, andere Verwandte und Bekannte. Sie versuchen sich diesen anzuähneln, indem sie z.B. ein Lächeln mit einem Lächeln beantworten. Doch sie initiieren auch durch die Anwendung bereits erworbener Fähigkeiten die entsprechenden Reaktionen der Erwachsenen. In diesen frühen Prozessen des Austauschs lernen Kleinkinder auch Gefühle. Sie lernen, diese in bezug auf andere Menschen in sich zu erzeugen und sie bei anderen Menschen hervorzurufen. Im Austausch mit der Umwelt entwickelt sich ihr Gehirn, d. h., es werden bestimmte seiner Möglichkeiten ausgebildet, andere hingegen verkümmern. (4) Die kulturellen Bedingungen dieses frühen Lebens schreiben sich in das Gehirn, in die Körper der Kinder ein. Wer nicht in frühem Alter Sehen, Hören oder Sprechen gelernt hat, kann es zu einem späteren Zeitpunkt nie wieder erlernen. (5) Die mimetischen Bezugnahmen der Säuglinge und Kleinkinder lassen zunächst keine Subjekt-Objekt-Trennung entstehen. Diese ist erst das Ergebnis späterer Entwicklungen. Zunächst ist die Wahrnehmung der Welt magisch. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Dinge werden als lebendig erlebt. In dieser im Verlauf der Entwicklung der Rationalität Bedeutung verlierenden Fähigkeit, die Welt in Korrespondenzen zu erfahren, bilden sich zentrale Möglichkeiten, die Außenwelt in mimetischen Prozessen in Bilder zu verwandeln und in die innere Bilderwelt aufzunehmen.

Walter Benjamin hat in seiner Autobiographie „Berliner Kindheit um 1900“ gezeigt, wie ein Kind seine kulturelle Umwelt in Prozessen der Anähnlichung inkorporiert. (6) In mimetischen Prozessen erfolgt eine Anähnlichung an die Räume, Winkel, Gegenstände und Atmosphären des Elternhauses und eine Einfügung der von diesen Dingen als „Abdrücke“ genommenen Bilder in die innere Bilder- und Vorstellungswelt des Kindes, wo sie zu neuen Bildern und Erinnerungen werden, die dem Kind helfen, sich andere kulturelle Welten zu erschließen. In diese Prozesse der Inkorporation kultureller Erzeugnisse und des Erschlossenwerdens durch sie wird Kultur weitergegeben. Die mimetische Fähigkeit, die materielle Außenwelt in Bilder zu überführen und sie dadurch in die innere Bilderwelt der Menschen transferierbar und den Menschen verfügbar zu machen, ermöglicht die aktive Gestaltung kultureller Gegebenheiten durch die einzelnen Menschen.

Dass sich diese Prozesse nicht nur auf den Umgang mit den materiellen Produkten der Kultur beziehen, sondern sich auch auf die sozialen Verhältnisse und Handlungsformen, auf die Inszenierungen und Aufführungen des Sozialen richten, versteht sich von selbst. In besonderer Weise sind es Formen praktischen Wissens, die in körperbezogenen, sinnlichen Prozessen mimetisch gelernt werden und die es möglich machen, in Institutionen und Organisationen kompetent zu handeln. Ein wichtiger Bereich dieses praktischen sozialen Wissens stellt das rituelle Wissen dar, mit dessen Hilfe sich Institutionen in den Körpern der Menschen verankern und mit dessen Hilfe es möglich ist, sich in sozialen Zusammenhängen zu orientieren. In mimetischen Prozessen werden hier Bilder, Schemata, Bewegungen gelernt, die den Einzelnen handlungsfähig machen. Insofern sich mimetische Prozesse auf historisch kulturelle Produkte und historisch kulturelle Szenen, Arrangements und Aufführungen richten, gehören sie zu den wichtigen Prozessen, in denen Kultur an die nachwachsenden Generationen weitervermittelt wird. Ohne mimetische Fähigkeiten gäbe es nicht die Möglichkeit kulturellen Lernens und nicht die Möglichkeit einer „doppelten Vererbung“, d. h., einer Vererbung von Kulturgütern, die bei den Menschen neben die biologische Vererbung tritt, und die so etwas wie eine verändernde Weiterentwicklung von Kultur ermöglicht. (7)

Walter Benjamin hat gezeigt, wie die Schrift als Ensemble unsinnlicher Ähnlichkeiten mimetische Prozesse hervorruft, mit deren Hilfe das Gelesene zum Leben erweckt wird. Das Gleiche gilt auch für andere kulturelle Güter, die erst durch eine mimetische Bezugnahme von Menschen lebendig werden. Ohne diese stellen sie lediglich ein kulturelles Potential dar, das seine Bedeutung erst in Bildungs- und Selbstbildungsprozessen entfaltet. Besonders wichtig werden solche Prozesse bei der Transferierung der Kultur von einer Generation an die nächste, in deren Verlauf Metamorphosen erforderlich sind, um die Lebendigkeit der Lebens-, Wissens-, Kunst- und Technikformen zu erhalten. Insofern mimetische Prozesse nicht einfach Kopien symbolisch bereits interpretierter Welten erzeugen, sondern darin bestehen, dass Menschen gleichsam einen Abdruck dieser Welten nehmen, den sie inkorporieren, haben diese mimetischen Bezugnahmen stets die ursprünglichen Bezugswelten verändernde kreative Aspekte. So entsteht eine kulturelle Dynamik zwischen den Generationen und Kulturen, die immer wieder Neues hervorbringt.

Kulturelles Lernen ist also weitgehend mimetischen Lernen, das im Zentrum vieler Prozesse der Bildung und Selbstbildung steht, das sich auf andere Menschen, soziale Gemeinschaften, Kulturgüter richtet, und das deren Lebendigkeit garantiert. Mimetisches Lernen ist ein sinnliches, körperbasierendes Lernen, in dem Bilder, Schemata, Bewegungen praktischen Handelns erlernt werden, das sich weitgehend unbewusst vollzieht und gerade dadurch nachhaltige Wirkungen erzeugt, die in allen Bereichen der Kulturentwicklung eine Rolle spielen. (8)

Der mimetische Bezug zur Welt ist nicht eindeutig; er ist mehrdimensional und auch mit Hilfe ethnographischer Methoden erforschbar. Mit mimetischen Erfahrungen verbinden sich auch solche der Auflösung der Subjektivität in Prozessen der Ansteckung, die Chaos und Gewalt freisetzen. (9) Diese Prozesse beinhalten auch die Auseinandersetzung mit Macht und Herrschaft, Gewalt und Unterdrückung, die Teil jeder Kultur sind und in die mimetische Prozesse immer wieder eingelassen sind. Der circulus vitiosus der Gewalt ist ein Beispiel für die mimetische Struktur vieler Gewalterscheinungen. (10) Doch sind mimetische Prozesse auch mit Hoffnungen auf Formen und Erfahrungen gesteigerten Lebens verbunden, in denen „lebendige Erfahrungen“ (Adorno) gesucht und gefunden werden. Anähnlichung an die Welt wird zur Möglichkeit Egozentrismus, Logozentrismus und Ethnozentrismus hinter sich zu lassen und sich für Erfahrungen des Anderen zu öffnen. (11

Notes

1 Michael Tomasello: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kommunikati
on. Frankfurt/M. 2002, S. 189.

2 Albert Bandura: Self Efficacy, New York, W. H. Freeman and Company 1997.

3 Frans de Waal: Der Affe und der Sushimeister. Das kulturelle Leben der Tiere. München 2001; Dominique Lestel: Les origines animales de la culture. Paris 2001.

4 Wolf Singer: Der Beobachter im Gehirn. Frankfurt/M. 2001.

5 Jean-Pierre Changeux: L’Homme de vérité. Paris 2002.

6 Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert. In: Gesammelte Schriften, Band IV. Frankfurt/M.
1980, S. 235-304..

7 Vg.: Hartmut Böhme/Peter Matussek/Lothar Müller :Orientierung Kulturwissenschaft. Was sie kann, was sie will. Reinbek 2000.

8 Gunter Gebauer/Christoph Wulf: Mimesis. Kultur, Kunst, Gesellschaft. Reinbek 1992.
dies: Spiel – Ritual- Geste. Mimetisches Handeln in der sozialen Welt. Reinbek
1998; dies: Mimetische Weltzugänge. Stuttgart 2003.

9 Elias Canetti: Masse und Macht. München. 2 Bde, 2. Aufl. 1976

10 René Girard: La violence et le sacré. Paris 1972.

11 Vgl. Christoph Wulf (Hg.): Vom Menschen. Handbuch Historische Anthropologie, Weinheim/Basel 1995; Christoph Wulf/Dietmar Kamper (Hg.): Logik und Leidenschaft. Erträge Historischer Anthropologie, Berlin 2002.


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