Ref. :  000010502
Date :  2003-11-26
Language :  German
Home Page / The whole website
fr / es / de / po / en

EU-Wirtschaftsbilanz 2003: Beginn eines neuen Wachstumsmusters?


Nachdem schon in der jüngsten Wirtschaftsvorausschätzung der Kommission Anzeichen für einen Wirtschaftsaufschwung festgestellt wurden, belegt nun auch die heute vorgestellte EU-Wirtschaftsbilanz 2003, dass die Wachstumskräfte, die in den USA ein kräftiges Wachstum gestützt haben, gleichfalls in der EU präsent sind. Verschiedene EU-Mitgliedstaaten haben die USA seit Mitte der 90er Jahre bei der Arbeitsproduktivität überflügelt. Das Produktivitätsdefizit der EU insgesamt spiegelt also das besonders schlechte Abschneiden einer Reihe von größeren Mitgliedstaaten wider. In der EU-Wirtschaftsbilanz 2003 werden fünf Themen eingehend analysiert: 1. makroökonomische Entwicklung im Euro-Gebiet, 2. Antriebskräfte des Produktivitätswachstums, 3. Bildung und Wachstum, 4. Lohnflexibilität und Lohninterdependenzen in der WWU und 5. internationale Kapitalströme.


EU-Wirtschafts- und -Finanzkommissar Pedro Solbes: “Die Analyse bestätigt: Wir brauchen die kraftvolle Umsetzung einer umfassenden Reformstrategie, um ein flexibleres, dynamischeres und investitionsfreundlicheres Unternehmensumfeld zu schaffen. Ziel dieser Strategie muss es sein, die Belastung durch Regulierung zu reduzieren, die Märkte weiter zu integrieren, Investitionen in Humankapital zu fördern und das Innovationspotenzial der Wirtschaft zu stärken. Zusammen mit besser funktionierenden Märkten und risikoorientierteren Finanzierungsmechanismen wird dies die Voraussetzungen für eine signifikante Steigerung der EU-Wachstumsrate schaffen.”


Makroökonomische Entwicklung im Euro-Gebiet

Trotz der Anzeichen für eine Konjunkturbelebung in der zweiten Jahreshälfte 2003 dürfte das Wirtschaftswachstum des Euro-Gebiets in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge deutlich unter der Potenzialrate liegen. Die Marktkräfte, die normalerweise einen Aufschwung einleiten, haben offenbar nicht so effizient oder nicht so stark gewirkt, so dass die sich Anfang 2002 erholendende Konjunktur weiteren nachteiligen Ereignissen nicht standhalten konnte. Die Tatsache, dass sich die Konjunkturabschwächung drei Jahre lang fortgesetzt hat, deutet darauf hin, dass die angebotsseitige Dynamik eine wichtige Rolle spielt und die Wachstumsschwäche nicht nur auf Nachfrageschocks zurückgeführt werden kann. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, die Lissabon-Strategie energischer umzusetzen.

Während die Makropolitik auf die Wachstumsabschwächung reagierte, gibt es gewisse Belege dafür, dass der leicht expansive Kurs der Finanzpolitik nicht viel zur Belebung der Konjunktur beigetragen hat. Nach den verfügbaren Daten haben die in verschiedenen EU-Mitgliedstaaten seit 2001 in Kraft gesetzten Steuersenkungen nicht den erhofften Anstieg des privaten Verbrauchs und der Investitionen gebracht.

Der private Verbrauch entwickelte sich weniger lebhaft als erwartet, weil die Sparquote der privaten Haushalte in einer für die Konjunkturlage untypischen Weise anstieg. Dies deutet darauf hin, dass so genannte nicht-keynesianische Effekte in Zusammenhang mit einem Glaubwürdigkeitsdefizit der Finanzpolitik einen negativen Einfluss auf die Konjunktur ausgeübt haben.


Antriebskräfte des Produktivitätswachstums

Seit Mitte der 90er Jahre hat sich in den USA und einer Reihe von EU-Mitgliedstaaten ein neues Wachstumsmuster herausgebildet. Sieben EU-Mitgliedstaaten (Belgien, Griechenland, Irland, Österreich, Portugal, Finnland und Schweden) haben die USA seit Mitte der 90er Jahre bei der Produktivität je Arbeitsstunde überflügelt. Drei der sieben Irland, Finnland und Schweden konnten außerdem ein kräftiges Produktivitätswachstum mit einer hohen Auslastung des Arbeitskräftepotenzials verbinden.

Insgesamt ist es der EU jedoch nicht gelungen, den langfristigen Rückgang ihres Produktivitätswachstums umzukehren, während die USA eine merkliche Trenderholung verzeichnen konnten. So erzielte die EU einen drastischen Anstieg des Wachstumsbeitrags der Arbeit, der von einem ebenso drastischen Rückgang des Wachstumsbeitrags der Produktivität begleitet wurde. Auf einen politischen Zielkompromiss dürfte dies aber nicht zurückgehen, da eine Hebung der Erwerbstätigenquoten durch Vermittlung von Niedrigqualifizierten in Beschäftigungsverhältnisse nur zu einer vorübergehenden Senkung des gemessenen Produktivitätswachstums führt, ohne das langfristige Produktivitätswachstum des vorhandenen Arbeitskräftebestands zu beeinflussen.

Der Rückgang des EU-Arbeitsproduktivitätswachstums um 1 Prozentpunkt in den 90er Jahren geht zur Hälfte auf eine Verschlechterung der Gesamtproduktivität zurück. Dies sollte von den politisch Verantwortlichen als vermutlich vordringlichster Grund zur Sorge betrachtet werden. Verbesserungen der Gesamtproduktivität werden generell einer effizienteren Ressourcennutzung aufgrund höherer Markteffizienz, dem technologischen Fortschritt aufgrund von Investitionen in Humankapital, FuE und Informationstechnologie oder aber dem natürlichen Aufholprozess der weniger entwickelten EU-Länder im Wege von höheren Unternehmensinvestitionen im Allgemeinen zugeschrieben.

Erfreulich ist, dass die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) positiv zum Wachstum beigetragen hat. Wie in den USA trägt die IKT auch in der EU (wenn auch nicht in gleich hohem Umfang) sowohl zu Verbesserungsinvestitionen als auch zur Gesamtproduktivität bei. Die Ursachen für die Verschlechterung der EU-Produktivität im Verlauf der 90er Jahre liegen daher in den Entwicklungen traditionellerer Wirtschaftszweige ohne IKT, darunter auch des Dienstleistungssektors. Das Arbeitsproduktivitätswachstum scheint von nur fünf der insgesamt fünfundsechzig analysierten Wirtschaftszweige bestimmt zu werden. Alle gehören zu den IKT-produzierenden und intensiv IKT-nutzenden Bereichen der jeweiligen Wirtschaft.

Eine modellgestützte Analyse zeigt, dass das Produktivitätsgefälle zwischen USA und EU auf grundlegende Strukturunterschiede auf Länderebene zurückzuführen ist, wobei fünf Bereiche als quantitativ bedeutend und im EU-Kontext relevant ermittelt wurden, nämlich Maß an Regulierung, Struktur der Finanzmärkte, Grad der Produktmarktintegration, Umfang der Bildungsinvestitionen und Alterung der Erwerbsbevölkerung


Bildung und Wachstum

Bildung hat großen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum. Empirischen Schätzungen zufolge könnte sie ganze 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte des jährlichen BIP-Wachstums ausgemacht haben. Größere Effizienz bei der Mittelverwendung würde die Rendite von Bildungsinvestitionen erhöhen. Auf der Hochschulebene beispielsweise sind hohe Abbruchquoten und eine oftmals weit über die Norm hinausreichende Studiendauer gleichbedeutend mit Jahren außerhalb des Arbeitsmarkts, ohne greifbaren Nutzen in Form eines höheren Bildungsabschlusses. Es könnte gute Gründe geben, den Zugang zur Vorschulbildung zu erweitern oder die Teilnahme an der Sekundarstufe II zu erhöhen, zumal diese Investitionen für die Wirtschaft von langfristigem Nutzen sind.

Da die Teilnahme an der Sekundarstufe II und der Hochschulausbildung nicht unbegrenzt steigen kann, dürfte die allgemeine und berufliche Bildung von Erwachsenen die größten Möglichkeiten für eine langfristige Hebung des Bildungsstands bieten. Das lebenslange Lernen könnte auch dazu beitragen, dass ältere Arbeitnehmer länger auf dem Arbeitsmarkt verweilen können. Den bisherigen Erfahrungen nach müssen Steueranreize, Subventionen und Kofinanzierungsprogramme zur Förderung der Bildung allerdings sehr viel sorgfältiger gestaltet und evaluiert werden als bisher.


Lohnflexibilität und Lohninterdependenzen in der WWU

Nach der konventionellen Lehre sind die Lohnbildungsmechanismen in Europa durch hochgradige Starrheit und eine langsame Anpassung an Schocks gekennzeichnet. Beim Blick auf die tatsächliche Entwicklung fällt positiv auf, dass die Lohndisziplin insgesamt erhalten blieb und Befürchtungen, die Überschreitung der Inflationsziele könne zu weitreichenden Zweitrundeneffekten bei den Löhnen führen, zerstreut wurden. Negativ ist zu vermerken, dass das Nominallohnwachstum gegenüber der Konjunktur weitgehend invariant blieb und sich das langsamere Arbeitsproduktivitätswachstum 2001 und 2002 daher in einem erheblichen Anstieg der nominalen Lohnstückkosten niederschlug. Die erwartete Konjunkturerholung wurde bisher also kaum, wenn überhaupt durch Lohnflexibilität unterstützt. Im Einklang mit den Ergebnissen anderer Studien lässt eine förmliche ökonometrische Analyse jedoch darauf schließen, dass die Persistenz der Lohninflation im Euro-Gebiet nicht höher ist als in den USA.

Die Konvergenz der Löhne und Lohnstückkosten hat nicht erst mit Vollendung des Binnenmarkts, geschweige denn der WWU, eingesetzt. Die verfügbaren sektoralen Daten deuten vielmehr darauf hin, dass die Konvergenz in den 80er Jahren stärker war als in den 90er Jahren. Eine engere Verflechtung der Gütermärkte und stärkere länderübergreifende Interdependenzen bei der Lohnfindung können einen Einfluss darauf haben, wie Schocks in der WWU absorbiert und übertragen werden. Modellrechnungen zeigen, dass dies zum Teil von der Art der Schocks abhängt.

Eine stärkere Lohninterdependenz führt nicht zu größeren Unterschieden bei der Absorption von Angebotsschocks, hat aber eine langwierigere Anpassung an Nachfrageschocks zur Folge.

Simulationen zeigen, dass es, wenn Lohninterdependenzen vorhanden sind, etwa ein Jahr länger dauert, bis der Prozess der Produktionsanpassung greift.


Internationale Kapitalströme

In den 90er Jahren haben zahlreiche Schwellenländer ihren Kapitalverkehr liberalisiert, während sie weiterhin nur über schwache Finanzinstitutionen verfügten und ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik mit stabilen Wechselkursen unvereinbar war. Zwischen den Beitrittsländern und vielen anderen aufstrebenden Märkten bestehen auffallende Unterschiede, namentlich bei der Entwicklung des Finanzsektors und der Finanzaufsicht. Hier haben die Beitrittsländer schrittweise den Besitzstand der EU im Bereich Regulierung und Aufsicht eingeführt und ihre Märkte für ausländisches Eigentum in großem Maßstab geöffnet. Mit soliden Finanzinstitutionen und durch eine adäquate Makro- und Finanzpolitik können die Beitrittsländer die negativen Erfahrungen anderer Regionen vermeiden und somit die Voraussetzungen für eine starke reale Konvergenz im Rahmen stabiler Finanzbedingungen schaffen.


Rate this content
 
 
 
Average of 127 ratings 
Rating 2.57 / 4 MoyenMoyenMoyenMoyen
Same author:
 flecheTowards an EU strategy for international cultural relations
 flecheSecurity Union: Commission steps up efforts to tackle illegal content online
 flechePartnership Framework on migration yields first results
 flecheNorth Seas Countries agree on closer energy cooperation
 flecheCommission presents options for reforming the Common European Asylum System and developing safe and legal pathways to Europe
 flecheRelocation and Resettlement: EU Member States urgently need to deliver
 flecheThe EU in 2015
 flecheMigration: Progress on priority actions and call for urgent action
 flecheEuropean Commission and Colombia to start negotiations on a bilateral agreement on trade in organic products
 flecheCommission proposes to strengthen the exchange of criminal records on non-EU citizens
 flecheEmployment review: Investing in people is key to economic growth
 flecheNew study: Assessment of economic benefits generated by the EU trade regimes towards the developing countries
 flecheCommission fulfils its commitment to act swiftly on migration
 flecheThe EU-Africa Partnership
 flecheEU Solidarity Fund: €66.5 million for Bulgaria, Italy and Romania after severe flooding
 flecheEmployment and Social Developments: Annual Review highlights key factors behind resilience to crisis
 flecheConsultation on investment protection in EU-US trade talks
 flecheLithuania becomes the 19th Member State to adopt the euro
 flecheFood: EU consumers to benefit from better labelling as of 13 December 2014
 flecheEU launches Investment Offensive to boost jobs and growth
 flecheEU and Montenegro in partnership to prepare the country for accession
 flecheGlobal trade increasingly obstructed, EU Report says
 flecheEU-Georgia sign financing agreement in support of regional development
 flecheEU budget: rule change to give more flexibility on exceptional adjustments to national contributions
 flecheEU and Vietnam complete ninth round of
FTA talks

 flecheItaly takes over presidency of the EU
 flecheMarket conditions for consumers continue to improve
 flecheEurope 2020 in a nutshell
 flecheEU launches campaign to combat sexual violence against minors during World Cup
 flecheCommission presents proposal to address global poverty and sustainable development
 flecheOutreach - Update on the Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) - Fifth Negotiation Round
 flecheEquality between the sexes: slow but sure progress
 flecheEU economic forecast – Growth becoming broader-based
 flecheEU backs right to clean water and sanitation
 fleche2030 climate and energy goals for a competitive, secure and low-carbon EU economy
 flecheMyths about the EU-Ukraine Association Agreement. Setting the facts straight

 flecheEU confirms its support for development, integration and promotion of peace and stability in Central Africa
 flecheCommission sets out an action plan to support the development of blue energy
 flecheFour years on from the Haiti earthquake: The EU’s response
 flecheCultural and creative sectors missing out on billions of euros in bank loans, study warns
 flecheA successful start for the euro changeover in Latvia
 flecheRīga and Umeå: European Capitals of Culture in 2014
 flecheReport regarding the mandatory indication of the country of origin or place of provenance for meat used as an ingredient
 fleche16th EU-China Summit (Beijing, 21 November 2013)
 flecheEU and US conclude second round of TTIP negotiations in Brussels
 flecheTime for stronger EU action against gun violence
 flecheDébat sur l'avenir de l'Europe: le Président Barroso participera à un débat avec des citoyens à Liège
 flecheState of the Union address 2013
 flecheEU Report: Trade protectionism still on rise across the world
 flecheMedia and content digitization benefits consumers, but revenues lag behind
 flecheEU Trade news: Development, World Trade Organisation, Investment
 flecheProposal for a regulation of the european parliament and of the council on the Fund for European Aid to the Most Deprived
 flecheEU Trade news: WTO Boeing case
 flecheEU Aid Volunteers: Commission proposes new global humanitarian initiative
 flecheEU sounds alarm over sharp rise in protectionism across G20
 flecheUser language preferences online
 flecheLaunch of the African, Caribbean and Pacific Observatory on Migration: European Commission supports improved South-South migration management
 flecheGM crops – individual governments to have responsibility
 flecheEuropean Commission report on the European Agenda for Culture
 flecheReport forecasts shortages of 14 critical mineral raw materials